Natur und Landwirtschaft: Eine Studie mit Beteiligung des KIT beleuchtet den Zielkonflikt zwischen Ernährungssicherheit und Biodiversität. (Foto: Markus Breig, KIT)

 

 

 

Große Landflächen radikal für Tiere und Pflanzen reservieren – das könnte die Menschheit in den nächsten Jahrzehnten vor einem Kollaps der Artenvielfalt bewahren. Doch in einigen Ländern, insbesondere des globalen Südens, könnte das die Versorgung mit Nahrungsmitteln gefährden.

Auf diesen Zielkonflikt machen jetzt Forschende des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) gemeinsam mit Partnern aus Großbritannien und Österreich in einer Studie aufmerksam und plädieren für ein umsichtiges Vorgehen.

 

 

Flächenbedarf enorm

 

Dass ein weiterer ungebremster Verlust der Biodiversität durch menschliche Einwirkung langfristig die Bewohnbarkeit des Planeten einschränkt, wurde in vielen wissenschaftlichen Studien belegt.

Gegensteuern könnte die Menschheit, indem sie große Flächen unter Schutz stellt, sagt Professorin Almut Arneth vom Institut für Meteorologie und Klimaforschung – Atmosphärische Umweltforschung (IMK-IFU), dem Campus Alpin des KIT in Garmisch-Partenkirchen: „Damit ließen sich die Auswirkungen zumindest abschwächen. Allerdings ist der Flächenbedarf enorm. Einige Forscherinnen und Forscher argumentieren, dass die Hälfte der Landoberfläche von einer menschlichen Nutzung ausgeschlossen werden müsste.“

Zwei Teams des Campus Alpin sowie Partnern an der Universität Aberdeen, der Universität Edinburgh und dem Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Österreich haben nun genauer untersucht, was die Folgen wären.

 

 

Steigende Lebensmittelpreise als Folge

 

Die Studie zeigt mit Hilfe von gekoppelten sozio-ökologische Modellen, wie sich ein potenziell strikter Schutz von 30 Prozent und 50 Prozent der terrestrischen Landfläche auf Landnutzung und Ernährungssicherheit auswirken könnte. Festgestellt haben die Forschenden dabei, dass diese Maßnahme vermutlich zu einer Intensivierung landwirtschaftlicher Produktion auf den verbleibenden Flächen führen würde, um die Weltbevölkerung mit Nahrungsmitteln zu versorgen, was steigende Lebensmittelpreise zur Folge hätte.

Der Verzehr von Obst und Gemüse würde sich verringern und insgesamt würde die Zahl der untergewichtigen Menschen in verschiedenen Regionen der Welt ansteigen. Damit verbunden wäre wiederum ein erhöhtes Risiko für ernährungsbedingte Krankheiten und Mortalität.

 

 

 

Ungleich verteilte Auswirkungen von extremen Maßnahmen

 

 

Die Untersuchungen ergaben außerdem, dass Länder des globalen Südens am stärksten von der Nahrungsmittelknappheit als Folge eines strikten Naturschutzes auf großen Flächen betroffen wären, da sie schon zuvor weniger Nahrung zur Verfügung hatten. Umgekehrt würden wohlhabendere Länder weitgehend von den negativen Auswirkungen verschont bleiben. Hier würde eine Verringerung des Kalorienverbrauchs durch höhere Nahrungsmittelpreise im Gegenteil sogar zu einer Reduktion der negativen Auswirkungen von Übergewicht und Fettleibigkeit führen.

 

 

Naturschutz darf sich nicht negativ auswirken

 

 

Die Erstautorin Dr. Roslyn Henry von der Universität Aberdeen betont, dass sich aus der Studie keinesfalls ableiten lasse, dass von großen Naturschutzflächen Abstand genommen werden sollte: „Die Ausweisung von Schutzgebieten gehört zu den wichtigsten Instrumenten zum Erreichen der Biodiversitätsziele. Sie muss aber mit Bedacht umgesetzt werden, um sicherzustellen, dass sie die Ernährungssicherheit und Gesundheit der Bevölkerung nicht gefährdet, insbesondere in den ärmeren Regionen der Welt.“

Professor Mark Rounsevell, Forscher am IMK-IFU und ebenfalls Autor der Studie, fügt hinzu: „Die Untersuchung zeigt, wie wichtig es ist, die mit der Vergrößerung von Schutzgebieten für den Naturschutz verbundenen Kompromisse zu berücksichtigen. Der Schutz der Natur ist für das Wohlergehen der Menschheit natürlich von entscheidender Bedeutung. Aber Naturschutz muss so umgesetzt werden, dass er sich nicht negativ auf die Nahrungsmittelversorgung auswirkt. Beispielsweise indem die Effizienz der bestehenden Schutzgebiete verbessert wird.“

 

 

Studie soll für ungewollte Effekte sensibilisieren

 

 

Es sei insgesamt wenig wahrscheinlich, dass viele Länder sich dafür entscheiden, 30Prozent oder gar die Hälfte ihres Territoriums radikal schützen zu wollen, betonen Arneth und Rounsevell: „In Anbetracht der aktuellen Debatte und der Ungewissheit über die Form, die Schutzgebiete annehmen sollten, spürt die Modellstudie dem extremen Ende der Erhaltungsmaßnahmen nach und gibt Aufschluss über mögliche Kompromisse, die gefunden werden müssen – und die auch existieren.“

Die Quantifizierung solcher Zielkonflikte soll die Planung, Verhandlung und Umsetzung von Schutzmaßnahmen unterstützen, und so dabei helfen, unerwünschte, negative Nebeneffekte zu vermeiden.

 

 

 

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