Weinbau Maria Vogt. Foto: Allegro Film 2016

Weinbau Maria Vogt. Foto: Allegro Film 2016

Simon Vetter, Foto: Allegro Film 2016

Simon Vetter, Foto: Allegro Film 2016

Schneller, billiger, mehr?

Der Dokumentarfilm BAUER UNSER zeigt gleichermaßen ungeschönt wie unaufgeregt, wie es auf Bauernhöfen zugeht. Regisseur Robert Schabus bleibt in seiner Doku vordergründig unparteiisch.

Doch so vielfältig die Bauern (vom Biobauern bis zum konventionellen Agraringenieur) so einhellig der Tenor: So kann und wird es nicht weitergehen. Das Mantra der Industrie – schneller, billiger, mehr – stellen die meisten von ihnen in Frage.

Das sagen Kritiker:

BAUER UNSER ist ein sehenswerter und spannender Film, in dem deutlich wird, wie Wirtschaftspolitik und Gesellschaft immer öfter vor der Industrie kapitulieren. Weit entfernt von rosigen Bildern einer ländlichen Idylle gibt es dennoch Momente der Hoffnung. Etwa wenn der Gemüsebauer und Rinderzüchter Simon Vetter stolz darauf ist, ein Bauer zu sein, der seine Kunden kennt und der Entfremdung entgegenhält.

Oder wenn die Bio-Schafzüchterin Maria Vogt eigenhändig Schafe melkt und frohlockt: „Hey, es geht ja auch ganz anders!“

BAUER UNSER ist ein Film, der Lust macht, dem Bauern ums Eck einen Besuch abzustatten, bewusst heimische Lebensmittel zu genießen – und auch als KonsumentIn das Bekenntnis abzulegen: „Bauer unser“.

Der Film wurde von Helmut Grassers AllegroFilm produziert, die schon „We feed the World“ und „More than Honey“ sehr erfolgreich in die Kinos gebracht hat.
Aktuell ist er im Verleih der MFA und in einigen Programmkinos zu sehen.
Seit dem 1. September ist der Film zudem auf DVD erhältlich.

Hier der Trailer zum Film


Statement der Regie

Porträt Robert Schabus. Foto: Johannes Puch

Porträt Robert Schabus. Foto: Johannes Puch

Robert Schabus über den Film:

Ich bin auf einem Bauernhof in Oberkärnten aufgewachsen, den seit vielen Jahren mein jüngerer Bruder mit seiner Frau bewirtschaftet.
Familiär war das zwar manchmal ein enges Feld, aber voll von den unterschiedlichsten beruflichen Tätigkeiten und auch Möglichkeiten im bäuerlichen Mikrokosmos.

Es gibt wenige Berufe, die ein ähnliches Maß an Kreativität und Vielseitigkeit bieten. Bis heute hat sich mein Bruder mit seiner Familie diese so reiche Welt erhalten. Mittlerweile gehört er da aber zu den Ausnahmen.

Die Landwirtschaft heute ist geprägt von Spezialisierung und Intensivierung.

Das vielfältige Universum wurde in den letzten Jahrzehnten in vielen Fällen zu einem straff geführten Wirtschaftsbetrieb reduziert, nur noch ein Betriebszweig und auch dabei nur mehr ein Teil der jeweiligen Lebensspanne der Tiere – entweder Aufzuchtbetrieb oder Mastbetrieb.

Zusammen mit der dafür scheinbar notwendigen Investition und dem Wachsen sind viele Bauernhöfe heute in einem sich immer weiter intensivierenden Kreislauf gefangen. Der internationale Freihandel mit Lebensmitteln findet immer jemanden, der noch billiger produzieren kann.

Der Film BAUER UNSER ist für mich eine gesellschaftspolitische Notwendigkeit, weil es nicht nur um landwirtschaftliche Produkte geht, sondern vielmehr um soziale und ökologische Zusammenhänge.

Eine der schlimmsten Folgen dieser neoliberalen Politik ist das Leid der Landbevölkerung im globalen Süden, das natürlich auch die Migrationsbewegungen über das Mittelmeer nach Europa ausgelöst hat. Die Verantwortung dafür liegt ganz offensichtlich bei uns im globalen Norden.

Aber auch die Bauern hier in Europa können nicht mehr von ihren Produkten leben, und unsere Gesellschaft verliert mit der kleinstrukturierten Landwirtschaft viel mehr als nur die Bauern selber.

Artenvielfalt, Arbeitsplätze am Land, das soziale Netz im ländlichen Raum, Selbstversorgung – das sind alles Dinge, die nicht am freien Markt gehandelt werden können und damit auch keinen Preis haben.

Die neoliberale Gesinnung wird uns dagegen ähnlich einem Naturgesetz als etwas Unabdingbares verkauft. Im Zuge der Herstellung dieses Filmes habe ich in vielen Interviews den Satz „In den Markt darf man keinesfalls eingreifen!“ zu hören bekommen.

In Wahrheit ist also die heutige politische Strategie eine gezielte Politik der Entpolitisierung von Wirtschaft und damit natürlich auch von Gesellschaft. Das ist eine erschreckende Entwicklung.

Wohin eine solche Deregulierung wirtschaftlich führen kann, haben wir im Zuge der Finanzkrise gesehen.

Niemand ist glücklich in diesem System der Ausbeutung in alle Richtungen. Fast. Die wenigen Profiteure sind international agierende Konzerne, die Industrie, die großen Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger nimmt. 

 

Statement der Produktion

Helmut Grasser über den Film:

Als ich vor mehr als 3 Jahrzehnten „1900“ von Bernardo Bertolucci gesehen habe, dachte ich eigentlich, die Zeit der Großgrundbesitzer in der Landwirtschaft sei vorbei. Das war ein Irrtum. Die Zahl der Großgrundbesitzer wächst, die Kleineren und Mittleren müssen aufgeben.

Als ich vor fast 10 Jahren Erwin Wagenhofers WE FEED THE WORLD gemeinsam mit dem Filmladen in die Kinos brachte, dachte ich, das steigende Bewusstsein der Konsumenten würde mit der Zeit eine Besserung der Produktionsbedingungen bewirken. Das war eine Illusion.

Leider hat der Konsument (fast) gar nichts zu sagen. Es gehört zur neoliberalen Weltordnung, dem einzelnen Menschen Verantwortung für etwas aufzuerlegen, was er/sie gar nicht ändern kann. Es sind ganz andere Kräfte am Werk…

1957 wurde im Zuge der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (heute EU) in den Verträgen von Rom vereinbart, den Bauern ein Einkommen zu sichern, welches mit dem der anderen Berufsgruppen vergleichbar ist. Dieses Versprechen wurde gebrochen. In Frankreich nehmen sich pro Jahr 600 Bauern das Leben, die Berufsgruppe mit der höchsten Selbstmordrate.

In der Masthaltung eines Schweines zahlt der Bauer mittlerweile 9 Euro aus eigener Tasche, um es überhaupt produzieren zu können. Die Tiere fressen Soja, das in Lateinamerika und Afrika in großem Stil angebaut wird, damit bei uns 1kg Schweinefleisch um 3 Euro verkauft werden kann.

Durch die europäischen Exportsubventionen und die der WTO wurde die afrikanische Landwirtschaft ruiniert, den Menschen die Lebensgrundlage entzogen. In Folge kommen sie als Flüchtlinge wieder zu uns. Zuerst transportieren wir das billige Soja aus Südamerika nach Europa, um damit billige Milch zu erzeugen.

Die Milch wird wiederum getrocknet und nach Mexiko transportiert, um sie mit Wasser und Palmöl wieder anzureichern und als Milch zu verkaufen. Ein völlig perverses System. Außer ein paar Gewinnern in der Nahrungsmittelindustrie hat niemand etwas davon, es gibt nur Verlierer. Die gewaltige Überproduktion lässt die Preise immer weiter sinken.

Die Abhängigkeit vom Export wird immer größer. Die Folge: Es wird noch mehr produziert.

 „Italien braucht einen Hieb mit der Spitzhacke“ – dieser zentrale Satz von einem der Großgrundbesitzer in „1900“, als die Großgrundbesitzer für die Schwarzhemden Geld sammelten, erinnert mich auf eine andere Art und Weise an die Großgrundbesitzer und die Lebensmittelindustrie von heute, die sich die Gesetze mehr oder weniger selbst schreiben. Wie das endete, wissen wir heute, mit Krieg, Hunger, Elend. Und ja, die Geschichte scheint sich (in anderem Gewand) doch zu wiederholen. Der Padrone in „1900“ (Burt Lancaster) nahm sich übrigens das Leben.

Der gesellschaftspolitische Grundkonsens wurde mit dem Umbau der Europäischen Gemeinschaft zur Europäischen Union verlassen.
Die Politik der Union hat in der Landwirtschaft versagt, auf ganzer Linie. Weil’s eh schon wurscht ist, brauchen wir jetzt noch ganz dringend TTIP und CETA.

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