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Auch 2017 wird die Ernte der betroffenen Anbauflächen vorab geprüft

Landwirte im Raum Rastatt/Baden-Baden und im Norden der Stadt Mannheim werden bei der Nutzung ihrer PFC-belasteten Flächen auch weiterhin eingeschränkt sein. „Spargel, Erdbeeren und Gemüse sollten nur auf unbelasteten Böden angebaut werden“, empfahl das Regierungspräsidium (RP) Karlsruhe[1] und verkündete die Fortsetzung des 2015 beschlossenen Vorerntemonitorings für belastete Anbauflächen im Jahr 2017. “Auf sehr hoch belasteten Flächen kommen nur Erzeugnisse in Frage, die nicht der Lebensmittelerzeugung dienen. Darüber hinaus bleibt im Einzelfall nur die Stilllegung“, heißt es dort weiterhin.
Aus zwei Jahren Erfahrungsgewinn dank Vorerntemonitoring leitete Abteilungspräsident Dr. Ulrich Roßwag nun Empfehlungen ab. Spargel zählt demnach zwar „nicht zu den Pflanzen, die PFC bevorzugt aufnehmen, bei hohen Temperaturen kann jedoch eine Aufnahme erfolgen“.  Für die betroffenen Landwirte stellt dies ein Risiko dar: Erweist sich ihr Spargel kurz vor der Ernte als belastet, darf er nicht in Umlauf gebracht werden. Alle betroffenen Flächen bleiben unbeerntet oder müssen gar umgepflügt werden.

Erdbeeren gelten als „witterungsbedingt riskant“, da sie „bei hohen Beregnungsabgaben mit belastetem Wasser PFC aufnehmen“, warnt das Regierungspräsidium. Generell müssen Landwirte in der betroffenen Region bei der Bewässerung weiterhin aufpassen: „Da alle Pflanzen kurzkettige PFC aus Bewässerungswasser bevorzugt aufnehmen, ist es wichtig, bei hohem Wasserbedarf möglichst PFC-freies Bewässerungswasser zu verwenden. Dies gilt insbesondere für Unterglaskulturen“.
Neben diversen Privatbrunnen in Baden-Baden, Hügelsheim und Rastatt-Niederbüll sind auch einige Bereiche der öffentlichen Wasserversorgung der Stadt Baden-Baden und der Gemeinde Iffezheim aktuell über dem allgemeinen Vorsorgewert PFC-belastet. „Das Beregnungswasser kann unter kontrollierten Bedingungen und Einhaltung der Richtwerte im Bewässerungswasser verwendet werden“, erklärt das RP. Zudem kann das Risiko der PFC-Aufnahme durch Tröpfchenbewässerung minimiert werden, empfiehlt das Präsidium[2].

Wie werden betroffene Landwirte unterstützt?

Die meisten Landwirte in der betroffenen Region haben ihre Flächen längst prüfen lassen. Dies ist für sie kostenlos: „Die Kosten für sogenannte orientierende Untersuchungen, durch die festgestellt werden soll, ob überhaupt Anhaltspunkte für eine schädliche Bodenveränderung und/oder eine hierdurch hervorgerufene Gewässerverunreinigung vorliegen, werden von den jeweiligen Stadt- oder Landkreisen getragen“, erklärt das Regierungspräsidium Karlsruhe[2].

Auch auf den weiteren Kosten sollen die betroffenen Landwirte keinesfalls sitzenbleiben: „Die Kosten der weiteren Untersuchungen zu Umfang und Ausbreitung des Schadens, zur Feststellung der geeigneten Sanierungsmethoden sowie zur Sanierung selbst, sind grundsätzlich von den Störern (Verursacher oder Grundstückseigentümer/ -pächter) zu tragen. Sollte die Erstattung der Kosten von den Störern nicht erlangt werden können, übernimmt die untere Bodenschutz- und Altlastenbehörde die Kosten bis zu 5.000 Euro. Darüber hinausgehende Kosten werden auf Antrag des Landratsamtes und des Stadtkreises vom Land Baden- Württemberg erstattet.“

Was sind PFC, und woher kommen sie?

PFC ist die Abkürzung für per- und polyfluorierte Chemikalien, eine mehr als 800 Stoffe umfassende Stoffgruppe. Wegen ihrer wasser-, schmutz- und fettabweisenden Eigenschaften werden PFC seit den 60er Jahren in vielen Verbraucherprodukten verwendet, vom Pappkarton über die Outdoor-Kleidung, Wetterschutzfarben und Schmiermittel bis hin zum Feuerlöschschaum.

PFC sind schwer abbaubar und verbleiben deswegen für lange Zeit in der Umwelt. Forschungsergebnisse, wie diese Stoffe sich unter Umwelteinflüssen verändern, liegen laut Regierungspräsidium Karlsruhe noch nicht in hinreichendem Ausmaß vor. Auch die Frage, ob PFC für Menschen und Tiere gefährlich sind, ist noch nicht abschließend geklärt, so das RP. Allerdings erwiesen sich die häufigsten PFC-Vertreter (PFOS und PFOA) in Tierversuchen schon nach kurzer Belastungszeit via Nahrung, Luft oder Haut als mäßig toxisch. Wissenschaftler vermuten, dass sie beim Menschen fortpflanzungshemmend wirken könnten, erklärte das Präsidium[2].

Nachdem im Jahr 2013 bei Grundwasseruntersuchungen PFC nachgewiesen wurden, ordneten das Landratsamt Rastatt und die Stadt Baden-Baden Detailuntersuchungen an, um den mutmaßlichen Störer zu ermitteln und die festgestellten Schäden weiter zu erkunden. „Ergänzend wird geprüft, ob auch das Aufbringen von Klärschlamm zu PFC- Belastungen geführt hat. Außerdem wurde auch die Möglichkeit der Herkunft der Schadstoffe aus Flugbenzin überprüft, was jedoch ausgeschlossen werden konnte.“[2]

Inzwischen ist ein mutmaßlicher Störer ermittelt: „Die derzeitigen Untersuchungsergebnisse weisen darauf hin, dass die Belastungen durch das Ausbringen von mit PFC verunreinigtem Kompost eines mittelbadischen Kompostunternehmens verursacht wurden“, erklärt das Regierungspräsidium Karlsruhe[1]. „Bei allen belasteten Flächen wurde Kompost dieses Kompostherstellers aufgebracht. Als ein Bestandteil des Kompostes wurden Papierschlämme identifiziert. Ob oder welche weiteren Zumischungen letztendlich die Belastungen mit PFC verursacht haben, konnte noch nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden.“
Nach Aussagen betroffener Landwirte hatte ein Komposthändler ihnen vor Jahren kostenlosen Kompost angeboten. Sie ahnten nicht, dass man diesem Abfälle aus der Papierindustrie beigemengt hatte. Die Schuldfrage wird zur Zeit gerichtlich verhandelt.

So werden die Konsumenten geschützt

Auf den Teller kommen PFC wohl nicht: „Nachdem Untersuchungen gezeigt hatten, dass kurzkettige PFC-Verbindungen durch Pflanzen aufgenommen werden können, wurde insbesondere aus Gründen des Verbraucherschutzes das Projekt „PFC belastete Flächen in Nordbaden – Lösungen für den Anbau von landwirtschaftlichen Kulturen und zur vorbeugenden Verbrauchersicherheit“ initiiert und dafür vom Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz (MLR) 520.000 Euro bereitgestellt“, erklärte das Regierungspräsidium Karlsruhe[1]. „Als Teilbereich des Projektes werden im Rahmen eines Vorerntemonitorings Pflanzen von belasteten Böden vor der Ernte entnommen und auf PFC untersucht. Die Ergebnisse werden so rechtzeitig den Bewirtschaftern mitgeteilt, dass zur Ernte über die Vermarktungsfähigkeit entschieden werden kann“. Sprich: Bedenkliche Lebensmittel kommen erst gar nicht in den Handel.  „Es ist gelungen, das Risiko für die Verbraucherinnen und Verbraucher zu minimieren und die Qualität der örtlich erzeugten Produkte sicherzustellen“, sagte Abteilungspräsident Dr. Ulrich Roßwag am Dienstag. „Durch die Empfehlungen wird auch für die Zukunft dafür gesorgt, dass dies so bleibt. Das alles war nur deshalb so erfolgreich, weil die Landwirte aktiv mitgewirkt haben“, lobte er und verband dies mit einem großen Dank an die beteiligten Betriebe sowie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der zuständigen Behörden vor Ort.
Das MLR musste auch PFC-Grenzwerte definieren: „Für kurzkettige PFC in Lebensmittel gibt es bislang weltweit keine toxikologisch abgeleiteten Grenzwerte“, so das RP[1]. „Da insoweit offizielle Grenzwertempfehlungen fehlen, wurden vom MLR übergangs- und hilfsweise lebensmittelrechtliche Beurteilungswerte (BUW) festgelegt.“

Trinkwasserschutz

Damit das PFC auch nicht im Wasserglas landet, trafen die Behörden umfangreiche Maßnahmen: „Nachdem im Sommer 2013 die ersten Nachweise von PFC im Trinkwasser bekannt wurden, veranlasste das Gesundheitsamt die Überprüfung sämtlicher öffentlichen Wasserversorgungen im Landkreis Rastatt und im Stadtkreis Baden-Baden“, beschreibt das RP[2]. „Die im Bereich des Wasserversorgungsverbandes Vorderes Murgtal gefundenen Werte führten im Frühherbst 2013 zu einer vorübergehenden Warnung für sensible Personengruppen. Nachdem der Wasserversorger Maßnahmen zur Senkung ergriffen hatte, konnte die Warnung nach einigen Wochen aufgehoben werden. Seitdem werden die öffentlichen Wasserversorgungen periodisch auf PFC untersucht.“
Die star.Energiewerke Rastatt mussten in der Wassergewinnung umdisponieren:„Zwei von drei Wasserwerken zur Trinkwasserversorgung in Rastatt wurden nach erhöhten Messwerten geschlossen. Die Rastatter Bevölkerung wird komplett über das Wasserwerk Ottersdorf versorgt“, erklären sie auf ihrer Webseite[3]. Allerdings rechnet man auch bei den Ottersdorfer Brunnen mit in naher Zukunft erhöhten PFC-Belastungen.

Das Trinkwasser der öffentlichen Wasserversorgung in Mannheim „wurde im Oktober 2014 letztmalig untersucht. Es gab keine Beanstandungen“, vermeldet das RP[2].

Quellen:
[1] Pressemitteilung des Regierungspräsidiums Karlsruhe vom 13.9.2016,
https://rp.baden-wuerttemberg.de/rpk/Seiten/pressemitteilung.aspx?rid=579

[2] FAQ des Regierungspräsidiums Karlsruhe zum Thema PFC,
https://rp.baden-wuerttemberg.de/rpk/Documents/faq_pfc.pdf

[3] Die star.Energiewerke Rastatt informieren auf ihrer Seite Wasser-Rastatt.de,
http://www.wasser-rastatt.de/wer-ist-betroffen.html

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