Publikum 4. Ökobeerenobsttag Münster-Wolbeck. Foto: Tanja Dolic

Publikum 4. Ökobeerenobsttag Münster-Wolbeck. Foto: Tanja Dolic

Bio boomt, und ökologisch produzierte Ware ist gefragter denn je – besonders in Top-Qualität. Für den Produzenten angesichts von Schädlingsdruck und der bei „Bio“ sehr eingeschränkten Auswahl an Pflanzenschutzmitteln (PSM) eine Herausforderung.
Bei den empfindlichen Beerenobstkulturen seien daher neben gutem Pflanzmaterial und einer durchdachten Fruchtfolge auch der effektive Nützlingseinsatz wichtig, begrüßte Karl Werring, Präsident der LWK NRW, die Gäste auf dem 4. Öko-Beerenobsttag in Münster-Wolbeck.

 

Nützlingseinsatz im Beerenobst

 

Hans Walkenbach. Koppert Deutschland GmbH. Foto: Tanja Dolic

Hans Walkenbach. Koppert Deutschland GmbH. Foto: Tanja Dolic

„Der Einsatz von Nützlingen ist insbesondere von klimatischen und kulturtechnischen Bedingungen abhängig“, erklärte Hans Walkenbach, Koppert Deutschland GmbH, zu Beginn seines Fachvortrags. Ist es beispielsweise zu trocken, können sich Raubmilben nicht wie gewünscht entwickeln.

 

Beispiel Spinnmilbe

219.300 Nachkommen in nur einem Monat, so die erschreckende Bilanz zur Spinnmilbe. Gerade bei diesem Schädling sei deshalb ein gutes Monitoring durch den Einsatz von Gelb- und Blautafeln wichtig. Oft sei festzustellen, dass immer wieder die gleichen Stellen betroffen sind. So ist ein präziseres Vorgehen in den Folgejahren möglich.

Dennoch: Die Spinnmilbe gehört zu den am einfachsten zu bekämpfenden Schädlingen.

Grund: zahlreiche gute Gegenspieler.

Beispielsweise die Raubmilbe phytoseiulus persimilis, die sich quasi als „Polizei“ im Einsatz gegen die Spinnmilbe eignet, so Walkenbach. Bei 30 °C entwickelt sich der Nützling in nur vier Tagen.

Er befällt alle Stadien der Spinnmilbe und vertilgt im Schnitt täglich:

  • +/- 5 Adulte
  • +/- 13 Nymphen
  • +/- 20 Eier

Aber auch Gallmücken sind für den Einsatz gut geeignet. Die Larven ernähren sich von allen Stadien der Spinnmilbe und vertilgen mehr als 5 Mal so viel wie die Raubmilbe phytoseiulus persimilis.

 

Beispiel Blattläuse

Gegen Blattläuse empfehle sich immer eine Präventivbehandlung, riet Walkenbach.

Ein bewährtes Mittel: Schlupfwespen. Jede der verschiedenen Schlupfwespenarten parasitiere aber immer nur bestimmte Blattlausarten. Am besten eigne sich daher ein Mix aus verschiedenen Schlupfwespen, um möglichst alle Lausarten im Bestand zu bekämpfen, erklärte Walkenbach.

Auch effektiv: Blattlausgallmücke, Marienkäfer, Schwebfliegen- oder Florfliegenlarven

 

Beispiel Thrips


Zur Info: Entwiccklung eines Thrips


Der Thrips ist einer der gefährlichsten Schädlinge im Beerenanbau, so Walkenbach. Allerdings seien weniger als 10 der zirka 5.500 in Europa bekannten Arten schädlich.

Der gefährlichste unter ihnen: der Kalifornische Blütenthrips (frankliniella occidentalis). Minustemperaturen können der Puppe nichts ausmachen. Die Thripse warten einfach mit dem Schlüpfen, bis die Mindestwohlfühltemperatur erreicht ist.

Schadbild:

  • Silbrig-/graue Flecken mit schwarzen Punkten (Exkremente)
  • Trockene Zellen durch das Saugen mit den raspelnden Mundwerkzeugen

Was hilft?

Raubmilben.  
In ihren verschiedenen Entwicklungsstadien werden die Thripse jedoch mit verschiedenen Raubmilbenarten bekämpft. Ein Mix aus verschiedenen Raubmilbenarten und eine präventive Ausbringung seien daher unabdingbar.

 

Überwachung

Um sich gegen den Thrips zu wappnen, ist ein gutes Monitoring unabdingbar. Für den Kalifornischen Blütenthrips eignen sich Blautafeln etwas besser als Gelbtafeln. Denn auf Gelbtafeln fangen sich neben dem Thrips auch andere Schädlinge, so die Erfahrung von Walkenbach.

 

Nematoden im Beerenobst

Michael Bath, e-nema. Foto: Tanja Dolic

Michael Bath, e-nema. Foto: Tanja Dolic

Nematoden: Schädling oder Nützling?
Für die zirka 0,5 mm langen Fadenwürmer gilt: Sowohl als auch.

Eigentlich sind sie als Todbringer bekannt. In das Wurzelsystem der Pflanzen eingedrungen, beeinträchtigen die natürlich im Boden vorkommenden Nematoden den Pflanzenstoffwechsel stark. Dagegen hilft Tagetes als Zwischenkultur.

Doch Nematoden können auch nützlich sein.

Michael Barth, e-nema GmbH, erklärte, wie man mit Nematoden gegen Schädlinge im Beerenobst vorgehen kann.

Fleischfressende Nematoden vermehren sich ausschließlich in Insekten und suchen sich eigenständig einen Wirt. Die Dauerlarven sind an ein langes Überleben im Boden angepasst, weil sie sich von Fettreserven ernähren. Bei günstigen Bedingungen bleiben sie jahrelang im Boden.

Ist ein Schädling/Insekt befallen, töten die Nematoden diesen ab und vermehren sich darin. In einem Engerling können in nur zwei Wochen bis zu 100.000 neue Nematoden entstehen.

 

Beispiel Engerlinge

Nützliche Nematoden wirken nicht gegen jeden Engerling gleich gut. Barth empfiehlt daher, erst den Engerling bestimmen zu lassen und dann die passenden Nematoden zur Bekämpfung zu besorgen.

Testergebnisse beim Einsatz von Nematoden:  Juli- und Gartenlaubkäfer wurden zu 90%, Maikäfer zu 50% und Junikäfer zu 30% reduziert.

 

Andere Schädlinge

Das Gute vorweg: Nematoden parasitieren viele Schädlinge wie Thrips und generell auch Kirschessigfliege. Allerdings halten sich Nematoden im Boden auf. Wie also sollen sie die KEF parasitieren?

Nematoden haben Langzeitwirkung: Sie vermehren sich schnell, und die neu hervorgegangen Nematoden sind sogar robuster.

 

Kirschessigfliege (Drosophila suzukii) – Aktuelle Situation

Sandra Nitsch, LWK NRW. Foto: Tanja Dolic

Sandra Nitsch, LWK NRW. Foto: Tanja Dolic

„Sie ist da, und wir werden sie nicht mehr los. Wir sollten lernen, mit ihr zu leben“, fing Sandra Nitsch, LWK NRW, ihren Vortrag zum aktuellen Forschungsstand über die Kirschessigfliege (KEF) an.

Forschungsziel der internationalen Kooperationen: Grundlegende Erkenntnisse zum Schädling sammeln.

Mit der aus dem ostasiatischen Raum eingeschleppten KEF (drosophila suzukii) kämpfen Obstanbauer in Europa, Kanada, USA und Mexiko seit 2008, in Deutschland seit 2011.

Da besonders auch abiotische Faktoren die Populationsentwicklung beeinflussen, unterliegt der Befallsdruck jährlichen Schwankungen. 2014 und 2016 hatte man mit hohen ökonomischen Verlusten zu kämpfen.

 

Aktueller Forschungsstand

Biologie:

  • Optimale Bedingungen für die KEF ist eine Temperatur 18-23°C und eine hohe Luftfeuchte
  • Bei Hitze (über 35°C): Rückgang der Eiablage
  • Sommerform (Juli bis Oktober) und Winterform (Oktober bis Juni) festgestellt
  • Überwinterung findet in geschützten Bereichen statt (Hecken, Wälder)
  • höchste Fangrate bei 15-20°C

Die Fangzahlen erlauben keine Rückschlüsse auf die Eiablage oder den Befallsstatus in den Früchten, sie geben nur Aufschluss über die Flugaktivität.

Kalte Wochen zu Beginn des Jahres verträgt die KEF nicht gut. Eine Prognose für 2018 kann also Stand heute noch nicht gegeben werden, erklärte Nitsch. Dafür müsse man den Februar und März abwarten.

 

Alternative Wirtspflanzen in der Feldkultur – Ablenkungsfrucht oder Risikofaktor?

Ist eine Ablenkungsfrucht sinnvoll, oder begünstigt man damit nur die Populationsdichte?

Studien des Julius-Kühn-Instituts von Dr. A. Eben und Dr. H. Vogt haben gezeigt:

„Die Umgebungsvegetation scheint […] einen geringeren Einfluss auf den Befall von Obstanlagen zu haben, als die Populationsdynamik innerhalb der Anlagen selbst, wenn reifende und reife kommerzielle Früchte vorhanden sind.“

Beitrag: Aktuelle Studien im Rahmen des Projektes Invaprotect/Interreg. Autoren/innen: Dr. A. Eben, Dr. H. Vogt

 

Stark befallene Wirtspflanzen:

Brombeere, Himbeere, Holunder, Heidelbeere, Süß- und Sauerkirsche, Pflaume, remontierende Erdbeeren, Wein.

Diese Sorten werden unterschiedlich stark befallen. Je reifer die Frucht, desto höher die Eiablage.

Zur Info: Eiablage der KEF

 

Gegenmittel

 

Heimische Nützlinge

Heimisch vorkommende Nützlinge gegen die KEF wurden bislang wenige gefunden. Larvenparasitoide können sich nicht in den KEF-Larven entwickeln, und bei Puppenparasitoiden gab es bislang sehr geringe Parasitierungsraten.

 

Exotische Nützlinge

Bei dem in Asien vorkommenden, auf KEF spezialisierten Räuber ganaspis brasiliensis sind weitere Untersuchungen notwendig, bevor es zu gezielten Freilassungen in Europa kommen kann. Gemäß EU-Verordnung 1143/2014 über die Prävention und das Management der Einbringung und Ausbreitung invasiver gebietsfremder Arten sollen nachteilige Auswirkungen auf Ökosystem, menschliche Gesundheit und Wirtschaft verhindert werden.

 

Pflanzenschutzmittel

Die KEF befällt reife Früchte – der Einsatz von PSM ist in diesem Stadium nicht möglich.

 

Sterile Insektentechnik (SIT)

Auch die Sterile Insektentechnik (SIT) wird als mögliche Bekämpfungsmethode untersucht. Im Labor genetisch manipulierte und somit unfruchtbare männliche KEF sollen sich nach der Freilassung mit weiblichen KEF paaren. Die abgelegten Eier würden bereits im Embryoalter absterben.
Folge: Die Entwicklung der Larve wird gestoppt und die Früchte werden nicht zerstört.
In der EU wird diese Methode in unmittelbarer Zukunft wohl nicht zum Einsatz kommen, dafür müssen noch weitere Untersuchungen gemacht werden, erklärte Nitsch.

Alles in allem: die KEF ist ein Plagegeist, der die deutschen Obstbauer noch einige Jahre beschäftigen wird und gegen welchen es neben einer Einnetzung (noch) keine wirksamen Bekämpfungsstrategien gibt.


 

Aussteller beim 4. Öko-Beerenobsttag


 

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