Bei Obst und Gemüse droht Deutschland nach Einschätzung des Bundesausschusses Obst und Gemüse (BOG) und des Industrieverbands Agrar e. V. (IVA) eine wachsende Abhängigkeit von Importen aus dem Ausland.

Schon heute sind im Obst- und Gemüseanbau gegen zahlreiche Pflanzenschädlinge hierzulande keine wirksamen Pflanzenschutzmittel mehr zugelassen.

Oft können die Anbauer nur auf kurzfristige Notfallzulassungen hoffen.

 

 

Versorgungsgrad liegt hinter Bedarf

 

Während in Deutschland von Feldkulturen wie Weizen, Kartoffeln oder Zuckerrüben mehr produziert wird als im eigenen Land verbraucht, liegt der Versorgungsgrad bei Obst und Gemüse weit unter dem inländischen Bedarf.

Das gilt nicht nur für buchstäbliche „Südfrüchte“, sondern etwa auch für Äpfel (Selbstversorgungsgrad: 40 Prozent), Möhren (70 Prozent) oder selbst Kohl (82 Prozent).

Durch eine künftig noch schlechtere Verfügbarkeit von Pflanzenschutzmitteln zur Kontrolle von Schädlingen, Pilzen und Unkräutern könnte der heimische Anbau durch die Ausbreitung resistenter Schädlinge und Pilzerreger und die damit einhergehenden Ernterisiken weiter zurückgedrängt werden.

 

 

Pflanzenschutz wird schwieriger

 

Eine Projektgruppe des IVA hatte Datensätze aus der Zulassungsliste des für Pflanzenschutzmittel zuständigen Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) ausgewertet und ermittelt, wie viele unterschiedliche Pflanzenschutz-Wirkstoffe und Wirkmechanismen in ausgesuchten Obst- und Gemüsekulturen verfügbar sind und künftig zur Verfügung stehen werden.

Für ein wirksames Resistenzmanagement gilt als kritische Zahlengröße, dass mindestens drei verschiedene Mechanismen zur Verfügung stehen, damit die Anbauer die Produkte variieren können.

Die phytosanitäre Achillesferse bei den Sonderkulturen ist in vielen Fällen die schlechte Verfügbarkeit von Insektiziden gegen Schädlinge, die ganze Ernten bedrohen.

Gegen Apfelwickler sind künftig im Apfelanbau wohl nur noch zwei Wirkstoffe mit ausreichender Wirksamkeit zugelassen, daneben noch BT-Produkte (Bacillus thuringiensis) mit geringerer Wirksamkeit.

Noch dramatischer stellt sich die Bekämpfungssituation bei Kirschen und anderem Steinobst dar: Die letzten beiden noch verfügbaren chemischen Wirkstoffe werden voraussichtlich wegfallen; dann stehen nur noch Kali-Seifen oder Rapsöl zu Verfügung.

Gegen Schildläuse sind im Anbau von Kirschen und anderem Steinobst gar keine Mittel mehr für Spritzanwendungen zugelassen; das einzige noch verfügbare Mittel gegen saugende Insekten befindet sich bereits in der Aufbrauchfrist.

 

 

Anbauer in Sorge

 

„Der verantwortungsbewusste und fachgerechte Einsatz von Pflanzenschutzmitteln trägt maßgeblich zur Produktion von qualitativ hochwertigen Lebensmitteln bei. Will man verhindern, dass ganze Anbaugebiete verschwinden und die Produktion ins Ausland abwandert, muss gehandelt werden. Der massive Verlust an Wirkstoffen fördert nicht nur die Entstehung von Resistenzen, er bedroht die Existenzen der landwirtschaftlichen Unternehmer und somit die Existenz der deutschen Kulturlandschaften“, sagte Jens Stechmann, Vorsitzender des Bundesausschusses Obst und Gemüse und selbst Obstanbauer mit einem Betrieb von 37 Hektar in Jork-Lühe.

Nicht viel optimistischer blicken die Gemüseanbauer auf die Zukunft.

Der stellvertretende Vorsitzende des BOG, Christian Ufen, der mit seinem Betrieb in Kronprinzenkoog auf 50 Hektar Kohl anbaut, sagte: „Kurzfristige Notfallzulassungen sind auf Dauer keine Lösung für unsere Obst- und Gemüsebauern. Wir benötigen Planungssicherheit und sind auf die ausreichende Verfügbarkeit von Wirkstoffen angewiesen.“

„Wenn wir etwas aus der Corona-Krise mitgenommen haben, dann ist es eine höhere Wertschätzung für die Produktion von Nahrungsmitteln im eigenen Land. Für eine vollständige Selbstversorgung mit Obst und Gemüse fehlen uns in Deutschland vielleicht die Voraussetzungen, aber wir sollten alles daransetzen, dass in den traditionsreichen Obst- und Gemüseregionen weiter wettbewerbsfähig produziert werden kann. Sonderkulturen, egal ob im ökologischen oder konventionellen Anbau, sind aber auf wirksame Pflanzenschutzmittel angewiesen. Verschwinden Obst und Gemüse zugunsten von Getreide oder noch mehr Mais, verarmt nicht nur die Vielfalt im Anbau, es geht auch viel gewachsene Kulturlandschaft verloren, sagte Frank Gemmer, Hauptgeschäftsführer des IVA.

 

 

Quelle: Bundesausschuss Obst und Gemüse/ Industrieverband Agrar e. V.

 

 

 

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