Insekten haben es schwer in unserer Agrar- und Kulturlandschaft. Seit Jahrzehnten gehen ihre Anzahl und ihre Vielfalt zurück.

Das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e. V., das Senckenberg Deutsches Entomologische Institut (SDEI) sowie die Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) arbeiten deshalb seit 2019 im Auftrag des Brandenburger Ministeriums für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz (MLUK) an einem „Maßnahmenprogramm Insektenschutz Brandenburg“.

Das Ergebnis ist ein Katalog von rund 50 Maßnahmen für die Landwirtschaft, aber auch für weitere Landnutzungsformen wie Forst sowie für kommunale Grünflächen.

Er könnte auch für andere Bundesländer von Interesse sein.

 

 

 

Gemeinsam Lösungen gesucht

 

Gemeinsam mit Partnern aus der Landnutzung, Verwaltung und Wissenschaft, die teilweise auch Träger der Volksinitiativen zum Insektenschutz waren, sollte nach Lösungen gesucht werden.

„Wir sehen hohe Verluste an Insekten in Deutschland, was verschiedene Ursachen hat. Die wohl bekannteste Untersuchung dazu ist die Krefelder Studie, die gezeigt hat, dass in den letzten 30 Jahren im betrachteten Gebiet die Insektenbiomasse um rund drei Viertel abgenommen hat. Eine andere Studie aus Bayern zeigt, dass dort seit 1900 ein Drittel aller Arten verschwunden sind“, sagt Prof. Dr. Thomas Schmitt vom Senckenberg Deutsches Entomologisches Institut (SDEI)

 

Dr. Peter Weißhuhn (ZALF) und Prof. Dr. Thomas Schmitt (SDEI) konzipieren und begleiten als Forscher das „Maßnahmenprogramm Insektenschutz Brandenburg“. © Tom Baumeister, ZALF.

Mittels einer partizipativen Wissenssynthese, d.h. der Verbindung von wissenschaftlichen Erkenntnissen mit Praxiswissen und Erfahrungen, wurde intensiv an konkreten Maßnahmen in den Bereichen Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Schutzgebiete, Gewässer sowie urbaner Raum gearbeitet.

 

“Das Thema Insektensterben ist in der Gesellschaft und Politik angekommen. Wir haben gemeinsam mit Akteuren aus verschiedenen Bereichen und damit aus ganz unterschiedlichen Perspektiven vorhandenes Praxis- und Erfahrungswissen gesammelt, mit wissenschaftlichen Erkenntnissen verbunden und können jetzt eine umfassende Fachgrundlage für den Insektenschutz vorlegen”, so ZALF-Forscher Dr. Peter Weißhuhn, der das Projekt koordinierte.

 

 

 

 

 

Rolle der Landwirtschaft

 

Es gibt laut SDEI-Direktor Prof. Dr. Thomas Schmitt vier Hauptgründe für den Insektenschwund: Die Zerstörung von Lebensräumen, die Zerstückelung von Lebensräumen, das Absinken der Qualität von Lebensräumen und klimatische Veränderungen, die sich negativ auswirken.

Dabei spiele die Landwirtschaft, die etwa die Hälfte der Fläche Deutschlands nutzt, eine besondere Rolle.

“Durch die immer stärkere Intensivierung und Industrialisierung sind sehr viele Lebensräume für Insekten weggebrochen”, so Schmitt.

Durch den Einsatz von Insektiziden würden zudem nicht nur die Insekten auf den behandelten Flächen getötet, sondern auch auf benachbarten Flächen geschädigt.

Auch Unkrautvernichtungsmittel seien problematisch, weil damit die Lebensgrundlagen der Tiere verschwinden.

Die Forscher wollen aber nicht den Landwirten die Schuld zusprechen, sondern Handlungsempfehlungen für alle Bereiche geben, mit denen sich der Insektenschwund aufhalten lässt.

 

 

 

Handlungsempfehlungen für alle Bereiche

 

Ein gutes Beispiel, das sofort Wirkung zeige und leicht umzusetzen ist, ist die Mosaikmahd von Wiesen.

Dabei wird eine Wiesenfläche nicht komplett abgemäht, sondern zunächst nur etwa ein Viertel. Raupen, Käfer oder Wildbienen können dann auf die übrig gelassenen Flächen ausweichen. Zehn Tage später wird das zweite Viertel gemäht und wieder zehn Tage später das dritte. Inzwischen blüht es auf dem ersten Abschnitt schon wieder und die Insekten finden Nahrung und Rückzugsraum.

„Damit können wir sehr schnell sehr positive Effekte erzielen. Wir müssen generell verhindern, dass es Phasen gibt, in denen sämtliche Ressourcen der Insektenwelt durch „Kahlschlag“ ausfallen. Das können zum Beispiel auch Hecken, Totholz- und Steinhaufen oder naturbelassene Wegränder verhindern. Mit wenig Geld lässt sich schon viel erreichen. Das Ziel ist eine Landschaft, die wieder vielfältiger an Strukturen und Arten ist“, erklärt Prof. Dr. Thomas Schmitt.

Auch im Grünflächenbereich könne man mit wenigen Mitteln sehr viel bewirken. Städtisches Grün kann artenreicher gestaltet, weniger gemäht und zum Beispiel mit Totholz als Lebensraum für Insekten, aufgewertet werden. Schotterflächen und Versiegelung von Böden sollten zurückgefahren werden.

„Ein bisher zu wenig beachteter Punkt ist auch die Lichtverschmutzung. Zu helle und nach oben strahlenden Lampen irritieren die nachtaktiven Insekten, die einen oft unterschätzten Anteil an der Insektenvielfalt ausmachen. Ihre Nahrungssuche, ihr Fortpflanzungsverhalten und sogar ihre körperliche Entwicklung kann dadurch gestört werden. Mit der richtigen Beleuchtungstechnik lassen sich diese negativen Einflüsse auf Insekten stark reduzieren“, sagt Dr. Peter Weißhuhn.

 

Zu den vorgeschlagenen Maßnahmen gehören unter anderem:

– Mehr Feldraine, Brachflächen und insektenfreundliches Straßenbegleitgrün
– Mehr Gewässerrandstreifen
– Besondere Insektenlebensräume erhalten und wiederherstellen
– Weniger Pflanzenschutzmittel und Stickstoffdünger einsetzen
– Vielfältige Fruchtfolge und mehrjährige Futterleguminosen
– Ökolandbau stärken
– Insektenschonende Mahd und Beweidung
– Lichtverschmutzung reduzieren
– Feldgehölze, Altbäume und Totholz erhalten

 

Die Infografik zeigt ausgewählte Maßnahmen für den Insektenschutz in Brandenburg. | Infografik © Pia Bublies

 

 

Wie geht es weiter?

 

Ob und welche der vorgeschlagenen Maßnahmen umgesetzt werden, liegt nun in den Händen der Politik.

Die Forscher haben mit ihrem Katalog eine Basis für die Weiterarbeit geschaffen Sie sehen aber neue Wege vor allem in der Landwirtschaft als notwendig an.

„Landwirtschaftsbetriebe sind auch Landschaftsgestalter und übernehmen damit gesamtgesellschaftliche Aufgaben. Deshalb denke ich, dass sich Subventionierungen in der Landwirtschaft deutlich verändern müssen. Die derzeitigen Flächennutzungsprämien sind nicht angemessen. Stattdessen sollte eine Landnutzung, die einen ökologischen Wert hat, honoriert werden. Die Betriebe produzieren nicht nur landwirtschaftliche Güter, sondern auch Naturschutz und Artenvielfalt. Die enge Zusammenarbeit mit der landwirtschaftlichen Praxis und unterschiedlichen Landnutzern sowie die eingebrachten Erfahrungen sind für uns hierbei sehr wichtig“, sagt Prof. Dr. Thomas Schmitt.

 

 

 

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