Gemeinsam mit dem Leiter der Landvolkshochschule Michael Gennert (rechts) begrüßen die Organisatoren (von links) Ulrich Bußmann und Verena Hersping (LWK NRW) sowie Dipl.-Ing. Karin Ziaja (LVHS) die Besucher.                                                                                            Bild: Kerstin Panhorst

 

 

Neue Sorten, Arbeitsrecht und Wassermanagement, aber auch alternative Kulturen für den Tunnel waren beim Freckenhorster Beerenobstseminar Thema.

Fast 100 Interessenten kamen zum inzwischen 27. Seminar in die Landvolkshochschule (LVHS) Freckenhorst.

Wir waren dabei und stellen einige der Vorträge in diesem und in einem 2. Teil näher vor:

 

 

Saisonrückblick 2019

 

Ulrich Bußmann von der Landwirtschaftskammer NRW präsentierte einen Saisonrückblick für 2019.               Bild: Kerstin Panhorst

Ulrich Bußmann von der Landwirtschaftskammer NRW warf einen Blick zurück ins vergangene Jahr. Während 2019 sich in Süddeutschland relativ ereignislos gestaltete, war es in Norddeutschland ein ungewöhnliches Jahr mit vielen Schwierigkeiten.

Die Frostnächte im Mai führten zu ca. 30 Prozent Ertragsausfall. Aufgrund der Hitzerekorde im Juni kam es zu großen Verbrennungen an den Pflanzen. Die anhaltende Trockenheit erschwerte Neuanpflanzungen.

Terminkulturen bekamen wegen der Hitze zunehmend Qualitätsprobleme und Remos hatten im Sommer deswegen lange Blühpausen. Malwina-Früchte werden bei Hitze zu dunkel und zu weich. Deshalb verliert die Sorte in der Branche an Bedeutung.

Gebietsweise kam es im Sommer außerdem zu Problemen durch Starkregen und Hagel und neue Krankheiten tauchten auf. So kam es bei Heidelbeeren zu frühem, massivem Frostspannerbefall.

 

Nach einem kontinuierlich guten Absatz und guten Preisen zur Hauptsaison (besonders in der Direktvermarktung) kam es im späten Jahr nicht mehr zu einem Preisanstieg.

Im ganzen Bundesgebiet geht der Trend weiter Richtung geschütztem Anbau. Während 2009 auf unter 200 Hektar geschützter Anbau betrieben wurde, waren es 2019 bereits 1500 Hektar unter Tunnel und Co.

Vor allem in Nordrhein-Westfalen (500ha) und Baden-Württemberg (350ha) ist der Trend sichtbar. Auch in Niedersachsen, Hessen und Mecklenburg-Vorpommern (jeweils ca. 100 bis 150ha) geht die Tendenz zum geschützten Anbau, um eine sichere Ernte trotz Wetterextremen zu garantieren.

 

 

Arbeitsrecht und Sozialversicherung

 

Über Drittstaatenregelung, Mindestlohn, Saisonarbeit, Urlaubsansprüche und mehr referierte Marion von Chamier. Die Expertin des WLAV beleuchtete zunächst die Entwicklung bei Drittstaatenabkommen.

Die Verhandlungen für die Saison 2020 gestalten sich schwierig, Serbien und Montenegro haben selbst Bedarf an Saisonarbeitskräften angemeldet und lehnen ein Abkommen ab.

Aktuell laufen noch Verhandlungen mit Moldawien, Bosnien-Herzegowina, Albanien und Nord-Mazedonien sowie der Ukraine, deren Regierung Verhandlungstermine aber immer wieder absagt.

Achtung: Immer mehr Dienstleister aus der Ukraine bieten deshalb arbeitswillige Arbeitnehmer für Werkverträge an. In der Regel ist dies aber illegale Arbeitnehmerüberlassung!

Außerhalb der Semesterferien werden zudem angebliche Praktikanten angeboten – im Vordergrund muss hierbei aber die Vermittlung von Ausbildungsinhalten sein und nicht die Erbringung der Arbeitsleistung!

Und: Wenn ukrainische Praktikanten nach der Ausbildung bzw. Hochschulausbildung mit entsprechendem Weiterbildungsplan für ein Praktikum angefordert werden, um zukünftige Facharbeiter für eine spätere Beschäftigung zu gewinnen, müssen deren Deutschkenntnisse nachgewiesen werden!

Der Mindestlohn – auch für Saisonarbeiter – beträgt seit dem 1. Januar 9,35 Euro. Aufgrund des gestiegenen Mindestlohns, warnt von Chamier, könne es bei manchen Minijobs zu einer Überschreitung der Entgeltgrenze kommen. In diesen Fällen ist eine schriftliche Herabsetzung der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit notwendig.

Auch Saisonarbeiter haben Anspruch auf Urlaub. Bei einer zweimonatigen Tätigkeit besteht z.B. ein anteiliger Anspruch auf Abgeltung von vier Tagen Urlaub.
Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshof erfolgt kein automatischer Verlust von Urlaubsansprüchen am Jahresende, wenn der Arbeitnehmer keinen Urlaub beantragt hat. Ansprüche auf Urlaub können nur untergehen, wenn der Arbeitgeber den Arbeitnehmer tatsächlich in die Lage versetzt hat, seinen Urlaub rechtzeitig zu nehmen.

Dazu muss der Arbeitgeber den Arbeitnehmer über das Bestehen von Resturlaubsansprüchen aufklären und diese Aufklärung später im Streitfall beweisen können.

Ein Musterschreiben hierzu gibt es beim WLAV zum Download (Mitglieder-Login > Informationen rund um das Arbeitsverhältnis).

 

 

 

Neue Erdbeersorten im Vergleich

 

Simon Schrey vom Versuchszentrum Gartenbau in Köln-Auweiler stellte in seinem Vortrag neue Erdbeersorten vor. Aufgrund intensiver Züchtungsaktivität hat das Sortenangebot deutlich zugenommen.

Dadurch sei aber auch die Auswahl geeigneter Sorten für den eigenen Standort schwieriger geworden, so der Experte. Er rät dazu, sich im Betrieb auf wenige Sorten zu konzentrieren und einen Sortenwechsel nur behutsam anzugehen. Vielversprechende Sorten sollte man aber zusätzlich auf kleiner Fläche selbst im Betrieb testen. 

Simon Schrey vom Versuchszentrum Gartenbau Köln-Auweiler stellte neue Erdbeersorten vor.        Bild: Kerstin Panhorst

In Freckenhorst präsentierte Schrey die Testergebnisse der Landwirtschaftskammer zu einigen neuen Sorten:

Einmaltragende Sorten

Rendezvous (Herkunft Hansabred):

  • interessante, neue Frühsorte
  • helle, homogene und stabile Früchte
  • rundliche Form mit schönem Glanz
  • sehr schönes Schalenbild
  • guter Geschmack
  • hoher Klasse 1 Anteil
  • Ertragsmenge für Frühsorte okay
  • gute Fruchtgröße
  • ähnliche Reifezeit wie Clery

 

Glorielle (Herkunft: Stefan Kraege):

  • sehr frühe Sorte
  • ähnliche Reifezeit wie Flair
  • homogene Früchte
  • schöner Glanz
  • ansprechendes Schalenbild
  • Ertragshöhe vergleichbar mit Clery
  • gute Fruchtgröße
  • guter bis sehr guten Geschmack
  • Fruchthaut etwas weich, bevorzugt für Direktvermarktung
  • Etwas aufsitzender Hals

 

Dahli (Herkunft: Flevoberry):

  • interessante, neue Frühsorte
  • gute Fruchtqualität
  • mittlerer Geschmack
  • ansprechendes Schalenbild mit schönem Glanz
  • mittlerer bis hoher Ertrag
  • 30 Prozent Mehrertrag als Clery in allen 3 Versuchsjahren
  • Erntebeginn 4 Tage vor Clery, Erntemitte 1 Tag vor Clery

 

Magnum (Herkunft: Marionette):

  • geschmackvolle Sorte
  • mittlerer bis guter Ertrag
  • Früchte etwas matt, z.T. zu dunkel, färbt manchmal einseitig
  • anfänglich manchmal gerieft
  • Festigkeit gut

 

Falco (Herkunft: Flevoberry):

  • Erntezeitraum wie Elsanta
  • stabile Früchte mit schönem Glanz
  • hoher Gesamtertrag
  • hoher Anteil vermarktungsfähiger Ware
  • Erstlingsfrüchte teilweise sehr groß
  • konstantes durchschnittliches Fruchtgewicht über die gesamte Erntezeit
  • geschmacklich auf einem Niveau mit Clery
  • robuste Pflanzen

 

Limalexia (Herkunft: Limgroup):

  • ertragreiche Sorte
  • wenig Krüppel
  • gute Fruchtgröße
  • optisch etwas matt
  • mittlerer Geschmack
  • Fruchthaut im Freiland relativ weich
  • höherer Klasse 1 Anteil als Elsanta
  • sehr wasserbedürftig, wahrscheinlich zusätzliche Kaliumdüngungen notwendig
  • eventuell für Stellagenbau geeignet

 

Remontierende Sorten

Favori (Herkunft: Flevoberry):

  • geschmacklich gut
  • mittlerer bis guter Ertrag
  • feste, stabile Früchte
  • unterdurchschnittliche Fruchtgröße
  • lange Fruchtstände
  • geschmacklich in 2019 am besten bewertet

 

Altess (Herkunft: Flevoberry):

  • guter Ertrag
  • mittlere Fruchtgröße
  • mittlerer bis guter Geschmack
  • ausreichend stabil
  • schönes Schalenbild
  • mittlerer Standard

 

Murano (Herkunft: CIV):

  • ertragreiche Sorte
  • mittlerer bis guter Geschmack
  • Fruchthaut zum Teil zu weich
  • mittlere, etwas unterdurchschnittliche Fruchtgröße
  • früher Erntebeginn nach Überwinterung
  • im Herbst bei Kälte schlechte Ausfärbung
  • Mehltauanfällig

 

Cantus (Herkunft: CIV):

  • guter Ertrag
  • guter Klasse 1 Anteil
  • mittlere Fruchtgröße
  • schönes Schalenbild
  • etwas dunkel
  • mittlerer bis guter Geschmack
  • wüchsige robuste Pflanze
  • gute Fruchtfestigkeit
  • robust und laut Züchter wenig anfällig für Mehltau

 

Bravura (Herkunft Flevoberry):

  • guter Ertrag
  • gute Fruchtgröße
  • mittlerer Geschmack
  • mittleres Schalenbild
  • manchmal etwas matt
  • gute Festigkeit
  • weniger empfindlich gegen Thripse als andere Sorten

 

 

 

Wasserbedarf der Kulturen

 

Über den Wasserverbrauch verschiedener Kulturen referierte Verena Hersping von der LWK NRW.           Bild: Kerstin Panhorst

 

Viele Kulturen müssen bewässert werden, um einen gleichmäßigen Bestand, ein Überleben der Pflanze, das Ausbilden der Blütenanlage sowie die Ausbildung der Früchte zu garantieren und um Qualität und Ertragsmengen zu sichern.

Mit der Frage „Welche Kultur braucht wieviel Wasser?“ beschäftigte sich deshalb Verena Hersping.

Die Mitarbeiterin der Landwirtschaftskammer NRW verglich zunächst die Effektivität unterschiedlicher Bewässerungstechniken.

 

 

 

 

 

Mobile Beregnungsmaschine (Regenkanone)

Vorteile:

  • Kann zwischen Flächen wechseln

Nachteile:

  • Nasse Pflanzen
  • Windanfällig
  • Höherer Wasserverbrauch

 

Tropfschlauch (oberirdisch/unterirdisch)

Vorteile:

  • Wassersparend
  • Trockene Pflanzen
  • Wasser direkt an der Pflanze
  • Fertigation

Nachteile:

  • Muss auf jeder Fläche verlegt werden
  • Bergen nach Saison erforderlich
  • Arbeits- und Kapitalaufwand

 

Reihenregner (Kreisregner)

Vorteile:

  • Jahrelang einsetzbar
  • Auf- und abbaubar

Nachteile:

  • Nasse Pflanzen
  • Windanfällig

 

Die benötigte Wassermenge hängt zum einen von der Bewässerungsmethode, zum anderen aber auch von der Kultur, dem Wetter, dem Anbauverfahren, der Bodenart und der Anbauzeit ab.

 

 

 

Beerige Alternativen für den Tunnel

 

Als Alternative oder Ergänzung zum Anbau von Erdbeeren im Tunnel hat Ludger Linnemanstöns verschiedene Kulturen untersucht. Beim Seminar stellte der Experte der Landwirtschaftskammer Ergebnisse und Empfehlungen zu Brombeeren, Johannisbeeren und Heidelbeeren vor.

 

 

Brombeere

  • wirtschaftlich ähnlich Himbeere
  • bestehende Himbeeranlagen können zum Anbau genutzt werden
  • sehr kleines Marktvolumen
  • Nachfrage nach hochwertigen stabilen und wohlschmeckenden Früchten
  • Nachfrage kann in der Direktvermarktung entwickelt werden, im Handel klappt es weniger gut
  • Absatz im Handel begrenzt
  • Kaum Absatzsteigerungen über Aktionen möglich

 

Heidelbeere

  • Gutes Wachstum im Tunnel
  • Im zweiten Jahr schon nennenswerte Erträge
  • Sehr gute Verfrühungswirkung (Erntebeginn 1. Juni)
  • Nachfrage ist da
  • Absatz im Handel möglich
  • Gute spanische Ware als Konkurrenz
  • Wirtschaftlich für Direktvermarktung und hofnahe Vermarktung interessant
  • Gut lagerfähig

 

Rote Johannisbeere

  • Wenig Anbauerfahrung
  • Johannisbeeren gedeihen eher unter kühlen Bedingungen
  • Hohes Anbaurisiko
  • Niedrige Absatzerwartungen
  • Wirtschaftlich für Direktvermarktung uninteressant
  • Im Handel durch Verfrühung viel Konkurrenz aus Süddeutschland, Märkte müssen erst noch erarbeitet werden.

 

„Man sollte eher die Finger von Johannisbeeren lassen“, rät Ludger Linnemanstöns.

Vor der Aufnahme einer jegliche neue Kultur empfiehlt er allerdings generell erst einmal das Abarbeiten einer Checkliste:

  • Was ist die Marktsituation bei der Kultur?
  • Sind geeignete Absatzstrukturen vorhanden?
  • Wie hoch sind die Investitionskosten?
  • Welche Preise können erzielt werden?
  • Welche Gewinne kann ich erwarten?
  • Ist der Standort geeignet?
  • Mit welchen Erträgen kann man rechnen?
  • Wie hoch sind die Ertragsrisiken?
  • Wie hoch ist der Arbeitsbedarf insgesamt?
  • Wie hoch ist der Arbeitsbedarf in der Ernte?
  • Gibt es Beratung für die Kultur?
  • Passt die Kultur in meinen Betrieb?
  • Wie stehen meine Familie und ich emotional zu der Kultur?

 

 

 

 

Zur Info

 

Auch im nächsten Jahr werden die Beerenobst-Tage wieder durchgeführt.

Für das Seminar vom 18. bis 20. Januar 2021 kann man sich bereits jetzt bei der LVHS Freckenhorst anmelden.

 

 

 

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