Wie relevant sind Landwirtschaft und Ernährung für die Klimabilanz? Wie können wir zu einer klimafreundlichen Landwirtschaft und Ernährungsweise finden? Und welchen Instrumentenkasten muss die Politik auf den Weg bringen, damit das mit den Klimazielen vereinbar ist?

Darüber diskutierten am Freitag Prof. Dr. Hermann Lotze-Campen, Abteilungsleiter Klimaresilienz am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) sowie Professor für Nachhaltige Landnutzung und Klimawandel an der Humboldt-Universität zu Berlin, Anne Markwardt, Leiterin Team Lebensmittel der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) und Bioland-Präsident Jan Plagge. Erkenntnisse des Gesprächs: Der Ökolandbau ist nicht die Patentlösung für alle Probleme. Und eine Mehrwertsteuersenkung auf Obst und Gemüse könnte eine Möglichkeit zu besserer Ernährung für alle sein.

 

 

 

Landwirtschaft widerstandsfähiger machen

 

„Um die globale Erwärmung auf maximal 1,5 Grad zu begrenzen, wie 2015 in Paris von allen unterzeichnenden Staaten vereinbart, müssen auch die Treibhausgas-Emissionen im Agrar- und Ernährungssektor weitgehend und schnellstmöglich reduziert werden. Hierzu müssen auf allen Ebenen entlang der gesamten Wertschöpfungskette wirksame Maßnahmen zügig umgesetzt werden“, beschrieb Lotze-Campen die Rolle der Land- und Ernährungswirtschaft. Eine Schlüsselrolle spiele dabei die Tierhaltung, die in ihrer aktuellen Ausprägung nicht mit den Klimazielen vereinbar sei.

„Man muss im Bereich Landwirtschaft beide Seiten zusammen denken: Einerseits Maßnahmen treffen, damit weniger Treibhausgase verursacht werden und zum anderem muss die Landwirtschaft widerstandsfähiger werden gegen Klimaveränderungen, die sie zweifelsohne immer häufiger vor Probleme stellen werden. Ganz konkret: Humusreicher Boden bindet besonders viel CO2 und er hat auch eine erhöhte Wasserspeicherfähigkeit. Die Förderung solcher Ansätze geht zwar schon in die richtige Richtung, muss aber unbedingt weiter ausgebaut werden.“

 

 

Mehrwertsteuersenkung auf Obst und Gemüse

 

Lebensmittelexpertin Markwardt unterstrich: „Damit Landwirtschaft und Ernährung nachhaltiger und klimaverträglicher werden, braucht es vor allem eines: Weniger tierische Produkte auf dem Speiseplan und weniger Tiere in den Ställen. Eine Erhöhung der Tierhaltungsstandards und eine Begrenzung der Tierzahlen ist dabei ebenso notwendig wie eine verbindliche Kennzeichnung von Tierwohl und Nachhaltigkeitsaspekten auf Lebensmitteln.“

Die meisten Verbraucher*innen akzeptierten höhere Fleischpreise, wenn sich damit tatsächlich die Lebensmittelbedingungen für die Tiere verbesserten, so Markwardt. Damit aber jeder die Möglichkeit habe, sich gesund und nachhaltig zu ernähren, brauche es parallel eine Entlastung in Form einer Mehrwertsteuersenkung auf Obst und Gemüse.

Wie bei der Umwelt und beim Klima, entständen auch im Gesundheitsbereich hohe Kosten durch die falsche – zum Beispiel zu fleischlastige – Ernährung. „Fehlernährung kostet das Gesundheitssystem jährlich Milliarden. Und sie verursacht großes individuelles Leid, weil sie chronische Erkrankungen zur Folge haben kann. Auch deshalb ist es dringend notwendig, gesündere Ernährungsumgebungen und ein ausgewogeneres Lebensmittelangebot zu schaffen.“

 

 

 

Kann 100 Prozent Bio die Weltbevölkerung ernähren?

 

Debattiert wurde auch über die Frage, ob eine Ernährung der Weltbevölkerung mit 100 Prozent Bio möglich ist. Lotze-Campen erklärte: „Wenn man die Verbrauchsmuster anlegt, die wir jetzt haben und die wachsende Weltbevölkerung mit einbezieht, dann kann Bio allein die Probleme nicht lösen. Aber das ist die falsche Betrachtungsweise. Man muss sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite handeln und daher muss man die Szenarien zur Reduktion des Fleischverbrauchs auch mit einbeziehen. Dann stellt sich das Thema Flächenknappheit schon ganz anders dar. Der Ökolandbau ist nicht die Patentlösung für alle Probleme aber er hat viele vorteilhafte Effekte, wie die Verbesserung der Biodiversität auf den Agrarflächen, die Erhöhung des Bodenkohlenstoffs und die Reduktion der Stickstoffüberschüsse.“

Bioland-Präsident Jan Plagge knüpfte an: „Der Ökolandbau, als Teil der Lösung des Problems, ist daher auch völlig zurecht im Klimaschutzgesetz, in den Klimaaktionsplänen der Bundesregierung und im 10-Punkte-Plan des Agrar- und Ernährungsministeriums als Klimaschutzmaßnahme verankert. Wichtig ist jetzt, dass seine Gemeinwohlleistungen mit konkreten Maßnahmen honoriert werden, damit die Klimaschutzziele und auch das 30-Prozent-Bio-Ziel bis 2030 in greifbare Nähe rücken. Dazu gehört an erster Stelle, dass die nationale Umsetzung der Europäischen Agrarpolitik in Deutschland eine hohe Attraktivität für den Ökolandbau sicherstellt. Das liefern die derzeit bekannten Maßnahmen noch nicht.“

 

 

Carbon-Farming

 

Diskutiert wurden auch weitere Fragen zu Klimaleistungen. Zum Thema Carbon-Farming sagte Plagge: „Bei den Geschäftsmodellen zum Carbon-Farming herrscht aktuell Goldgräberstimmung. Derzeit gibt es aber noch keine geeigneten Erhebungs- und Verifizierungsmethoden für ganze Betriebe, die gute Antworten auf zentrale Herausforderungen haben: Wie geht man mit Betrieben um, die schon viel Humus aufgebaut haben? Wie sichert man die Langfristigkeit ab und wie vermeidet man Verlagerungseffekte? Bioland setzt daher zunächst auf die solide Entwicklung gesamtbetrieblicher Bilanzierungen.“

 

 

Quelle: Bioland

 

 

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