Botrytisbefall bei Erdbeeren.  Foto: Sandra Nitsch, LWK NRW

Botrytisbefall bei Erdbeeren. Foto: Sandra Nitsch, LWK NRW

Dem Grauschimmelerreger und seinen Auswirkungen widmeten die 24. Freckenhorster Beerenobsttage nicht nur einen Vortrag, sondern gleich ein halbtägiges Fachforum.
Experten aus Forschung, Industrie und Beratung beleuchteten verschiedene Aspekte des ungeliebten Pilzes.

 

Prof. Christian Neubauer, Phytopathologe an der Hochschule Osnabrück, referierte zur Biologie des Pilzes: 

Botrytis cinerea ist ein Schwächeparasit. Als solcher besiedelt er bevorzugt durch suboptimale Wachstumsbedingungen oder Alter geschwächte Pflanzenteile.

Sein Infektionsoptimum liegt bei 16 – 20°C im feuchten Milieu. Dann kann er alle pflanzlichen Oberflächen befallen und bereits Hyphen aus den Sporen treiben. Das heißt aber noch nicht, dass er auch das Gewebe der Pflanze mit seinem Mycel durchdringen kann. Dies ist erst der Fall, wenn er darin günstige Wachstumsbedingungen vorfindet.

Üblicher Verlauf einer Blüteninfektion:
•    Der Pilz befällt die alternden Blüten- und Staubblätter.
•    Von letzteren aus kann er bis in den Blütenboden wachsen, kommt dort nicht mehr weiter und ruht erst einmal (=latente Infektion).
•    Im Zuge der Fruchtausbildung wird das Gewebe sensibler für die Besiedelung durch den Pilz.
•    Ausgehend von der Kelchgrube kommt es nun zum vertrauten Schadbild.

Das Hauptinokulum stellen die Blätter der Erdbeerpflanze dar, die üblicherweise latent infiziert sind. Doch erst wenn sie altern, kann der Pilz sie mit seinem Mycel durchdringen.
–> Das Entfernen von abgestorbenen Blättern reduziert also das Botrytisrisiko.

Der zweite Weg zur Fruchtinfektion ist der direkte Kontakt mit befallenen Pflanzenteilen.
Dieser Infektionsweg kann nur durch Feldhygiene eingedämmt werden.

 

Botrytisbefall bei Erdbeeren.  Foto: Sandra Nitsch, LWK NRW

Botrytisbefall bei Erdbeeren. Foto: Sandra Nitsch, LWK NRW

Dem Thema Resistenzbildung widmete sich Dr. Jochen Kleemann, Biologe bei Bayer.

Zunächst erläuterte er den Wirkungsmechanismus der Carboxamide wie Boscalid und Fluopyram, auch SDHIs (SuccinatDeHydrogenaseInhibitoren) genannt.
Deren Wirkstoffe verhindern, dass die Pilzsporen Hyphen austreiben können: Sie blockieren das Enzym SDH in den Mitochondrien der Pilzzelle.
Weil damit quasi ihr „Kraftwerk“ lahmgelegt ist, fehlt der Pilzspore die für das Wachstum der Hyphe benötigte Energie.

Zwischen den SDHIs bestehen Kreuzresistenzen. Einige Botrytisstämme sind resistent gegenüber Boscalid, aber sensitiv gegenüber Fluopyram. Dann spricht man von einer inkompletten Kreuzresistenz.

Einzelne Botrytisstämme können auch gegen Mittel aus verschiedenen Wirkstoffgruppen gleichzeitig resistent sein.
So ist eine Resistenzmutation Fenhexamid (Hydroxianilid) X Boscolid (SDHI) bekannt.
Sie hat allerdings einen Fitnessnachteil gegenüber anderen Stämmen und wird von diesen zurückgedrängt, sofern der Pflanzenbestand nicht mit Fungiziden behandelt wird.

Dringender Appell von Dr. Kleemann: Erdbeerbestände sollten so früh wie möglich gegen Blüteninfektionen behandelt werden. Niemals seien aber Fungizide in einem bereits befallenen Bestand auszubringen. Damit übe man starken Selektionsdruck in Richtung Resistenzbildung aus.

 

Mit der richtigen Wahl der Fungizide beschäftigte sich Jörg Geithel, ebenfalls von Bayer.

Er wies noch einmal darauf hin, dass Fungizide präventiv, nicht kurativ wirkten und man Botrytis nicht „wegspritzen“ könne.

Seine Empfehlung:
•    Fungizid-Behandlung gegen Gnomonia in der Vorblüte
•    In der anschließenden Spritzfolge in der Blüte die Mittel mit dem weitesten Wirkungsspektrum an den Anfang stellen, um neben Botrytis auch Colletotrichum, Erdbeer-Mehltau und Gnomonia zu erfassen.

Mit dem Zeitpunkt der Blütenbehandlungen hielt Geithel es mit der alten Empfehlung  von Dr. Rudolf Faby, wonach jeweils bei  5 – 10%, 30%, 60% und 80% geöffneter Blüten zu behandeln sei.

Auch Jörg Geithel forderte die Hörer dazu auf, aus Gründen des Resistenzmanagements Fungizide nicht auf sichtbaren Befall auszubringen.

 

 

Botrytisbefall bei Erdbeeren.  Foto: Sandra Nitsch, LWK NRW

Botrytisbefall bei Erdbeeren. Foto: Sandra Nitsch, LWK NRW

Resistenzmangement stand auch im Vordergrund der Ausführungen von Ulrich Henser, Syngenta Agro GmbH.

Er wies darauf hin, dass aus jeder Pflanzenschutzmaßnahme auch ein Selektionsdruck in Richtung Resistenzbildung resultiere.
Der Wirkstoffklassenwechsel in der Spritzfolge sei deshalb ganz entscheidend für die Resistenzprophylaxe – und damit für einen nachhaltigen Bekämpfungserfolg.
Denn kurzfristig sei kein neuer Wirkstoff in Sicht.

Auch er betonte, dass das stärkste Fungizid an den Anfang der Spritzfolge gehöre.
Sein Vortrag überschnitt sich in Teilen mit dem seines Vorredners, nur dass er erwartungsgemäß die Mittel der Firma Syngenta dort in Stellung brachte, wo Jörg Geithel die von Bayer ins Feld geführt hatte.

Auch Ulrich Henser betonte die Bedeutung vorbeugender Begleitmaßnahmen wie Feldhygiene und gute Belüftung der Bestände.

 

Um die richtige Applikationstechnik ging es im Vortrag von Börges Meyer, ebenfalls Syngenta Agro GmbH. 

Die optimale Wasseraufwandmenge gab er mit 500 – 1000 l / ha an, je nach Stärke des Bestandes:
Größere Mengen führten zum Ablaufen der Spritzbrühe von den Pflanzen und damit zum Wirkstoffverlust.
Kleinere Mengen konnten keine vollständige Benetzung der Pflanzenoberfläche gewährleisten.

Meyer hält nichts von Luftdruck-unterstützten Applikationssystemen.
Die besten Benetzungsergebnisse erreicht man seiner Meinung nach  mit der klassischen 3-5-Düsengabel am Spritzgestänge, oben mit IDKT-Düsen und an den Seiten IDK-Düsen.
Die IDK 9003 erbrachte im Versuch mit einem Tracer optimale Anlagerung.

Eine feintropfigere Ausbringung bedingt laut Meyer Wirkstoffverluste. Und Wirkstoff sei durch nichts zu ersetzen.
Nur die volle Aufwandmenge bringe auch die volle Wirkung. Reduzierte Aufwandmengen erhöhten die Resistenzgefahr.

Er riet allen Praktikern dazu, die eigene Spritztechnik einem Test mit wassersensitivem Papier zu unterziehen, um damit die Güte der Benetzung sichtbar zu machen.

 

Diskussion zum Abschluss

Im Rahmen der anschließenden Podiumsdiskussion warnte Dr. Adrian Engel, Pflanzenschutzdienst LWK NRW, eindringlich davor, der Verfrühung den Vorzug vor der Botrytisbekämpfung zu geben. „Verfrühungsvlies hoch und Botrytisspritzung machen!“ lautete sein Appell. Auch das Lüften von Tunneln und abgedeckten Flächen sei zur Botrytisprophylaxe wichtig, betonte er.

 

 

Weitere Berichte zu den 24. Freckenhorster Beerenobst-Tagen:

24. Freckenhorster Beerenobst-Tage

Eric Boot und Ludger Linnemannstöns im Interview (Video)

„Alles unter 100% gilt einem Holländer als Verlust!“ (Eric Boot, mit einem Augenzwinkern)

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