Die Dosis macht das Gift – was Paracelsus einst als Grundregel für die Entwicklung von Heilmitteln für den Menschen formulierte, gilt auch für Pflanzen: Giftige Substanzen wie Unkrautbekämpfungsmittel können das Pflanzenwachstum durchaus fördern, sofern ihre Konzentration nicht zu hoch ist.

Die Bedeutung dieser so genannten Hormesis für Landwirtschaft, Umwelt und Natur erforschen Agrarökologen im der Universität Hohenheim in Stuttgart.

 

 

Zusammenspiel verschiedener Faktoren

 

Es klingt paradox, aber in geringen Mengen können Unkrautbekämpfungsmittel wie Glyphosat das Pflanzenwachstum sogar fördern.

Mit den Folgen für Landwirtschaft, Umwelt und Evolution dieser ungewollten Wachstumsförderung beschäftigt sich das Team von PD Dr. Regina Belz.

Dabei ist „Hormesis wesentlich mehr als nur die simple Förderung des Pflanzenwachstums.“ erläutert sie. Denn der Effekt ist vielschichtig und hängt von sehr vielen Faktoren ab.

Angefangen bei den genetisch festgelegten Eigenschaften der jeweiligen Pflanzen über die Wachstumsbedingungen bis hin zur Dosierung des Herbizids und dessen Zusammenspiel mit anderen Umwelteinflüssen wie Bodenverhältnissen, Wetter, Düngung, aber auch anderen Schadstoffen oder sogar Substanzen, die von den Pflanzen selbst abgegeben werden.

 

 

Nicht nur Herbizide lösen Hormesis aus

 

Die Agrarwissenschaftlerin PD Dr. Regina Belz beschäftigt sich schon länger mit dem Phänomen: „Hormesis kann nicht nur durch Herbizide ausgelöst werden, sondern auch durch andere Pestizide und Umweltschadstoffe, darunter auch Ozon. Selbst natürliche Metabolite von Pflanzen können diesen Effekt verursachen.“

Sie vermutet, dass der Stress, den ein Giftstoff verursacht, Reaktionen in den Zellen auslöst, die letztendlich zu einer Art „Abhärtung“ führen und die Pflanze fitter gegen erneute Stresseinwirkungen machen.

Ihr besonderes Interesse gilt den Auswirkungen, die dieses Phänomen für die Pflanzenproduktion, die Unkrautbekämpfung und andere Pflanzen haben kann, die nicht Ziel der Bekämpfungsmaßnahmen sind.

Die Forscherin will dabei nicht werten, weder für noch gegen einen Einsatz von Herbiziden, sondern lediglich den Status Quo und den Einfluss des Phänomens aufzeigen.

 

 

Hormesis hat Auswirkungen auf Landwirtschaft

 

Dabei sieht sie zwei relevante Aspekte: Einerseits könnten niedrige Herbizid-Dosierungen genutzt werden, um den Ertrag von Kulturpflanzen zu fördern und Kulturpflanzen stressresilienter zu machen.

Andererseits tritt Hormesis auch bei regulären Herbizidanwendungen auf, wenn Kulturen, Unkräuter oder Wildpflanzen auf der behandelten Fläche oder darüber hinaus versehentlich niedrigen Dosierungen ausgesetzt sind, z. B. weil die Wind- und Wetterverhältnisse ungünstig sind.

Dies könnte tiefgreifende Auswirkungen in wirtschaftlicher, ökologischer, und/oder evolutionärer Hinsicht haben.

„Über Herbizid-Hormesis gibt es nach wie vor wenige Untersuchungen, so dass das Wissen darüber und über mögliche Auswirkungen noch immer sehr begrenzt ist“, erklärt PD Dr. Belz.

Deswegen sind in ihrem aktuellen Forschungsprojekt „HerbBi – Herbizid-vermittelte biphasische Reaktionen in Pflanzen“ die hormetischen Nebenwirkungen von Herbizidanwendungen, wie sie in der Praxis üblich sind, das zentrale Thema.

Ihr besonderes Interesse gilt dabei Wildpflanzen wie Weidelgras, Kamille oder Gänsefuß, von denen bekannt ist, dass sie sehr häufig resistent gegen Herbizide werden.

Insbesondere die Tatsache, dass die Hormesis auch beim derzeit meistverwendeten Herbizidwirkstoff Glyphosat auftritt, macht diese Substanz für sie zu einem interessanten Versuchsobjekt.

Neben dem umstrittenen Glyphosat bezieht sie auch weitere Substanzen mit anderen Wirkprinzipien in ihre Untersuchungen mit ein, wie PSII- oder ALS-Herbizide oder natürliche Phytotoxine, die verschiedene Stoffwechselwege der Pflanzen blockieren.

 

 

Hormesis begünstigt Resistenzbildung

 

Erste Ergebnisse ihrer Labor- und Gewächshausversuche zeigen, dass durch chemische Bekämpfungsmaßnahmen herbizidresistente Unkräuter begünstigt werden und eine erhöhte Resilienz gegenüber einem erneuten Herbizidstress an ihre Nachkommen weitergeben.

Doch nicht nur dies: Die Samen dieser Pflanzen sind oft zahlreicher, größer und schwerer, was ihren Keimlingen einen weiteren Überlebensvorteil verschafft.

Noch dazu ist bei ihnen der Hormesis-Effekt stärker ausgeprägt. Dadurch kann Herbizid-Hormesis die Evolution und Dynamik von Herbizidresistenz erheblich begünstigen.

Zudem kann ein solcher Hormesis-bedingter Selektionsdruck für und gegen bestimmte Subpopulationen auch in natürlichen Pflanzenpopulationen auftreten und hier zu einer Verschiebung der Merkmalsverteilung innerhalb der Gesamtpopulation einer Pflanzenart führen.

Dabei sind vor allem die Extreme betroffen, d.h. die Anzahl an besonders kleinen, empfindlichen oder auch besonders großen, resilienten Pflanzen wird deutlich verändert und damit die Anpassungsfähigkeit einer Population.

„Welche nachhaltige Bedeutung dies für Landwirtschaft, Umwelt und Evolution hat, ist noch völlig offen“, sagt PD Dr. Belz.

 

 

Hormesis von Umweltfaktoren beeinflusst

 

Ganz kompliziert wird es, wenn sie versucht, die Verhältnisse nachzustellen, wie sie im Freiland häufig auftreten. Hier kann es zu einem Gemisch von verschiedenen aktiven Substanzen in niedrigen Dosierungen kommen, z. B. weil zusätzlich Umweltschadstoffe eingetragen werden oder einfach nur durch natürliche Metabolite.

Diese hormetischen Cocktail-Effekte sind derzeit kaum zu fassen und mathematisch vorherzusagen.

Deswegen sollte zu diesem Zeitpunkt auch niemand mit dem Einsatz von Herbiziden auf seinem Feld experimentieren, die Auswirkungen sind nicht exakt vorauszusagen, ebenso der Langzeiteffekt.

„Bis man weiß, ob und wie sich die Hormesis in der Landwirtschaft und der Umwelt langfristig auswirkt, ist noch viel Forschungsarbeit notwendig. In Anbetracht der Herbizidmengen, die jährlich ausgebracht werden, sollten wir jedoch die Herbizid-Hormesis in seiner vollen Wirkung verstehen“, ist das Fazit von PD Dr. Belz. „Da Hormesis für viele biologische und toxikologische Wissenschaften relevant ist, sind die Ergebnisse dieses Projektes nicht nur für Agronomen bedeutend, sondern für alle, die sich mit chemischen Belastungen in medizinischen, toxikologischen und ökologischen Studien befassen.“

 

 

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