Bernd Möllers, LWK NRW (oben links) und Stefan Kraege, 1. Vorsitzender Landesverband Obstbau Westfalen-Lippe (mittlere Reihe links), begrüßten zahlreiche Referenten zum Seminar.

 

 

 

Alle Erdbeer-Betriebe stehen vor gewaltigen zukünftigen Herausforderungen und stellen sich die Frage: „Wie geht es weiter? Wie entwickelt sich der Erdbeeranbau?“ Unter diesen Leitfragen stand nun das Beerenobstseminar des Landesverbands Obstbau Westfalen-Lippe und der Landwirtschaftskammer NRW. In der digital durchgeführten Veranstaltung mit mehr als 170 Teilnehmern standen Themen wie Erträge und Produktionskosten, die Vermarktung, die Mitarbeiterverfügbarkeit und die Pflanzenschutzmittelsituation auf dem Programm.

 

Wir waren dabei und fassen die wichtigsten Vorträge zusammen.

 

 

Neue Kalkulation von Preisuntergrenzen bei Beerenobst

 

Erheblich steigende Produktionskosten durch höhere Löhne und Materialkosten machen eine genauere Kalkulation nötig. Wie diese aussehen kann, zeigte Ludger Linnemanstöns anhand einiger Beispiele. An Musteranlagen zeigte er nicht nur wie kalkuliert wird, sondern wie man auch realistisch die Auswirkungen der möglichen steigenden Kosten abschätzen kann.

Anhand von drei Muster-Produktionsverfahren – Wandertunnel, Freilandkultur auf Damm und Stellage zeigte er die Auswirkungen verschiedener Kostenfaktoren.

Dafür stellte er zunächst die anfallenden Kosten zusammen aus:

  • Investitionskosten (Tunnel/Stellage, Reparaturkosten, Versicherungen etc.)
  • Ertragsunabhängigen Kosten (Pacht, Auf- und Abbau, Damm, Pflanzen
  • Ertragsabhängigen Kosten (Pflücklohn /Umverpackung/Kühlung/Transport)

 

Aus diesen addierten Direktkosten, mit Einbeziehung von Allgemeinkosten und einem anvisierten Gewinn von ca. 50 Cent/Kilo errechnete er die nötigen Preisuntergrenzen (brutto und netto).

Im Vergleich der Kalkulationen von einem unter heutigen Umständen wirtschaftenden pauschalierenden Betrieb, einem unter Regelbesteuerung arbeitenden, einem mit Regelbesteuerung und unter Berücksichtigung eines voraussichtlichen Mindestlohns von 12 Euro plus eventueller Sozialversicherungspflicht und erwarteter Preissteigerung für Material arbeitenden Betriebs zeigte er besorgniserregende Zahlen.

Bei einem Wandertunnel müsste beispielsweise die Preisuntergrenze unter Einbeziehung aller Faktoren um bis zu 26 Prozent steigen. Bei einem Ertrag von 20t/ha liegt die Preisuntergrenze bei einem pauschalierenden Betrieb bei 4,46Euro/netto. Bei Regelbesteuerung würde dieser schon auf 4,66 Euro steigen, bei Regelbesteuerung mit Mindestlohn von 12 Euro auf 5,05 Euro, plus Sozialversicherungspflicht auf 5,27 Euro und noch einmal plus Materialkostensteigerung auf 5,60 Euro. Bei einem unveränderten Preis von 4,46 Euro pro Kilo würde dies statt eines Gewinns von 10.000 Euro einen Verlust im schlimmsten Fall von 12.715 Euro bedeuten.

„Wir müssen alles daran setzen höhere Preise durchzusetzen“, lautet deshalb das Fazit von Ludger Linnemannstöns von der Landwirtschaftskammer NRW.

Die Kalkulationen für die unterschiedlichen Anbauverfahren können bei den jeweiligen Beratern der Landwirtschaftskammern erfragt werden.

 

 

 

Betriebswirtschaftlich erfolgreich trotz steigender Produktionskosten

 

 

Wie man den steigenden Kosten nicht nur kalkulatorisch, sondern auch inhaltlich begegnen kann, zeigte Richard Niehues von der LWK NRW in seinem Vortrag. Auch er warf zunächst einen Blick auf die anstehenden Herausforderungen im Gartenbau vom Wegfall der Mehrwertsteuer Pauschalierung, über Kostensteigerung bei Produktionsmitteln, Anstieg der Energiekosten und der Personalkosten bis zum Anstieg bei Bau- und Investitionskosten.

Vor allem die Anhebung des Mindestlohns könnte eine Steigerung der Kosten von ca. 25 Prozent verursachen, der Wegfall der Pauschalierung und Kostensteigerungen beim Zukauf sind für ihn die weiteren großen Faktoren.

 

Probate Mittel zum Umgang mit Kostensteigerungen können sein

  • Steigerung der Erlöse / Höhere Produktpreise verhandeln
  • Neue, verbesserte Produkte
  • Optimierte Produktions- und Arbeitsverfahren (z.B. Energieeffizienz, Arbeitsproduktivität…)
  • Änderung der Vermarktungsstrategie
  • Intensive Nutzung der Kapazitäten
  • Steuerung Personaleinsatz
  • Skaleneffekte (Wachstum)
  • Erweiterung der Produktionspalette
  • Prüfung und evtl. Aufgabe von unproduktiven oder schlecht gelegenen Standorten

 

 

 

Wie sieht die Zukunft der Direktvermarktung in Deutschland aus?

 

Einen Blick auf die Zukunft der Direktvermarktung warf anschließend Michael Böhm. Der Umweltingenieur und Landwirt arbeitet beim Beratungs- und Forschungsunternehmen ecozept und stellte die Studie „innoDirekt“ vor, die zwischen Dez 2017 und Januar 2020 durchgeführt wurde.

Rund 40 Fachleute, 200 direktvermarktende Betriebe und 680 Kunden von insgesamt 10 innovativen Leuchtturmprojekten wurden zur Entwicklung der Direktvermarktung, Trends und Erwartungen der Verbraucher, Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten befragt.

Bei den Formen der Direktvermarktung ist laut Studie noch immer der eigene Hofladen Spitzenreiter, auch der eigene Ab-Hof-Verkauf, die Lieferung an andere Direktvermarkter und eigene Stände auf Wochenmärkten spielen eine große Rolle. An Bedeutung gewinnen zudem Online-Lieferservices, Verkaufsautomaten und Abokisten.

Viele Betriebe gaben bei der Umfrage an, die Direktvermarktung weiter ausbauen zu wollen, bei den ökologischen Betrieben rund 70%, bei den konventionellen 47%.

Aus Anbauersicht liegen die Stärken der Direktvermarktung in der Produktqualität, der Kundennähe und der Regionalität.

Aus Kundensicht liegen die Hauptgründe für den Einkauf bei Umwelt- und Klimaschutz (43%), transparentem Wirtschaften (20%) und Produktqualität (13%). Sehr wichtig sind den Kunden guter Geschmack, die Frische der Ware und die Qualität sowie deren Herkunft. Auch ein fairer Verdienst für den Landwirt und die Regionalität spielen für viele eine Rolle, ein günstiger Preis hingegen ist hingegen kaum von Bedeutung.

„Die Kunden sind bereit mehr zu zahlen“, sagt Böhm.

Bei den Trends in der Direktvermarktung sieht er

  • Kooperationen und Partnerschaften (innerhalb und außerhalb des Ernährungssektors)
  • Verfügbarkeit rund um die Uhr (Verkaufsautomaten, Selbstpflücke, Vertrauenskassen)
  • Auslagerung von Dienstleistungen (Logistik/Verarbeitung etc.)
  • Eigene Verarbeitung/Veredelung
  • Zusätzliche Verkaufs- Verteilorte (Hofladen in der Stadt/Verkaufsautomat/Drive In)
  • Kundschaft wird zu Prosumenten (Einbindung der Käuferschaft)
  • Sortimentsanpassungen (Erweiterung oder Reduzierung auf Spezialitäten)
  • Online/Digitalisierung (Apps/Click und Collect/ Online-Bestellung)
  • Kommunikation (Kundennähe/Markennutzung)
  • Ökologisierung

 

Für die Praxis empfiehlt Böhm die Kombination von traditioneller analoger Direktvermarktung und neueren Formen der digitalen Vermarktung und Kommunikation, die Kooperation mit Partnerbetrieben, den Verkauf von betriebstypischen Produkten zur Herausstellung der Einzigartigkeit und eine glaubwürdige, ehrliche Kommunikation, um Kunden langfristig zu binden.

 

 

Mehr gibt es demnächst im zweiten Teil. Dann wird es um die Zukunft der Saisonarbeit, chemischen Pflanzenschutz und aktuelle Versuchsergebnisse zu Anbau und Sorten gehen.

 

 

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