Wie kann die Zukunft der Agrarindustrie aussehen?

Und wie kann die Landwirtschaft mit den Problemen Klimawandel und Ressourcenknappheit umgehen?

Eine neue Zukunftsstudie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI gibt mit vier verschiedenen Szenarien Einblicke, wie der Umgang mit natürlichen Ressourcen in der Landwirtschaft im Jahr 2035 aussehen könnte und welche Rolle digitale Entscheidungsunterstützungssysteme für Landwirte dabei spielen können.

 

 

Digitales Entscheidungsunterstützungssystem für landwirtschaftliche Betriebe

 

Klimawandel und Ressourcenknappheit sind auch für die Landwirtschaft die großen Herausforderungen der kommenden Jahre.

Der Umgang mit natürlichen Ressourcen wird nicht zuletzt durch die Art und Weise bestimmt, wie Nahrungsmittel produziert und konsumiert werden. Entsprechend rücken die Landwirtschaft und die Nahrungsmittelindustrie zunehmend in den Fokus von Politik und Wissenschaft, und auch die Erwartungen an die Landwirtschaft steigen.

Vor diesem Hintergrund wird in dem Forschungsprojekt ein digitales Entscheidungsunterstützungssystem für landwirtschaftliche Betriebe entwickelt, das eine ressourceneffiziente, nachhaltige Produktion und eine stärkere Zusammenarbeit der Betriebe untereinander fördert.

Im Fokus steht die Integration von Ökosystemleistungen und Biodiversität in Managemententscheidungen landwirtschaftlicher Betriebe.

Die Zukunftsszenarien des Fraunhofer ISI unterstützen die Entwicklung des digitalen Systems, indem sie für vier verschiedene Zukunftspfade unterschiedliche Rahmenbedingungen, Funktionen und Anforderungen an ein solches System aufzeigen. Dafür sind neben Experten aus der Technologieentwicklung, Umweltforschung und dem Lebensmittelsektor auch Landwirte aktiv in die Szenario-Entwicklung eingebunden worden.

 

 

Vier verschiedene Zukunftsszenarien

 

Umweltschutz durch Globalisierung, Hightech und Regulierung

Dieses Szenario geht von einer globalisierten Welt aus, in der staatliche Regulierung und Harmonisierung eine wichtige Rolle spielen.

Transparente Wertschöpfungsketten, koordinierte Lebensmitteletiketten und eine nachhaltige und nicht gewinnorientierte Lebensmittelversorgung zur Deckung der Grundbedürfnisse stehen im Fokus.

Der Klimawandel wird global proaktiv angegangen, Städte ohne Autos oder kohlenstofffreie Industrien entstehen.

Ökosystemleistungen werden nicht direkt gefördert, sondern durch Geldentschädigungen unterstützt. Verbraucher und Industrie sind offen für neue Technologien.

Die Wertschöpfungskette wird transparenter, Verbraucher können ihre Produkte verfolgen, was Druck auf die Hersteller ausübt und hohe Produktionsstandards fördert.

Es herrscht zentraler E-Commerce, der die Wertschöpfungskette beeinflusst und an dem der Staat aktiv beteiligt ist. Die Bedeutung des Staates in der Wertschöpfungskette spiegelt sich auch darin wider, dass das gesamte landwirtschaftliche Land in seinen Händen liegt. Grundstücke werden nach den Grundsätzen der „Wirtschaft für das Gemeinwohl“ gepachtet.

 

Umweltschutz durch lokale Nahrungsmittelversorgung und qualitatives Wachstum

Eines der Szenarien mit dem Titel „Umweltschutz durch lokale Nahrungsmittelversorgung und qualitatives Wachstum“ zeichnet sich durch Dezentralisierung, Vielfalt und Nachhaltigkeit aus.
Es beschreibt eine Welt, in der Verbraucher gesundheitsbewusst leben und großen Wert auf die Qualität ihrer Lebensmittel legen. Sie kaufen vor Ort ein und schätzen die kulturelle Bedeutung der Landwirtschaft.

Die Landwirte kennen die Mehrheit der Menschen, die ihre Produkte konsumieren, persönlich und wollen sie deshalb mit qualitativ hochwertigen, gesunden Lebensmitteln versorgen. Sie fühlen sich von der lokalen Gesellschaft unterstützt und freuen sich über das hohe soziale Ansehen ihres Berufsstandes.

Die landwirtschaftliche Produktion ist sehr differenziert, die Wertschöpfungsketten sind regional, kurz und transparent. Die direkte Anbindung der Gesellschaft an die Landwirtschaft wird nicht nur durch die große Anzahl und Vielfalt der landwirtschaftlichen Betriebe ermöglicht, sondern auch durch den dezentralen Einzelhandel.

Darüber hinaus sind Maßnahmen zum Klimawandel mit dem Schwerpunkt auf Erhaltung der Biodiversität ein wesentlicher Bestandteil der landwirtschaftlichen Bodennutzung und werden direkt auf lokaler Ebene umgesetzt.

 

Event-Konsum durch persönliche Interaktion in lokalen Lebensmittelkreisen

In diesem Szenario möchte die Mehrheit der Menschen keine Veränderung, weil sie mit ihrer Lebensweise zufrieden ist.

Der Kauf von Lebensmitteln ist nicht nur Konsum, sondern wird eher zu einer familiären oder sozialen Aktivität. Die Leute kaufen in Geschäften oder auf regionalen oder lokalen Lebensmittelmärkten und suchen den Dialog mit den Produzenten.

Die negativen Auswirkungen des Klimawandels sind in vielen Bereichen zu beobachten und zu erleben. Dies führt jedoch nicht zu Anpassungen des Konsumverhaltens der Bürger, Die Verbraucher glauben durch die Bevorzugung regionaler Lebensmittel, umweltfreundlich zu handeln.

Es gibt keine Begeisterung für neue Technologien in der Gesellschaft, was sich im Widerstand gegen eine fortschrittliche Digitalisierung widerspiegelt.

Auch die Landwirte verlassen sich nicht auf neue Technologien. Sie verwenden hauptsächlich große, manuell angetriebene Maschinen. Die technologische Entwicklung konzentriert sich auf Assistenzsysteme.

 

Reduzierter Konsum und De-Growth aus Notwendigkeit

Ein anderes Szenario “Reduzierter Konsum und De-Growth aus Notwendigkeit” zeigt eine ganz andere Zukunft, in der der Einzelhandel der große Gewinner innerhalb der globalen Lebensmittelsysteme ist.

Die Kaufentscheidungen der Verbraucher richten sich in erster Linie nach dem Preis und sind stark an das Einkommen gebunden. So hat sich etwa ein Sekundärmarkt entwickelt, der auf die längere Nutzung von Produkten durch Aufwertung, Reparatur, Wiederverwendung oder Recycling ausgerichtet ist.

Das Konsumverhalten hat sich jedoch nicht von sich aus, sondern aus der Notwendigkeit heraus geändert.
Auch die Ernährung musste auf eine pflanzliche Ernährung mit reduziertem Fleischkonsum umgestellt werden.

Der Klimawandel hat gravierende Auswirkungen auf die landwirtschaftlichen Betriebe und die Einzelhändler üben einen großen Druck auf sie aus. Letztere nutzen ihren Informationsvorsprung durch den zentralisierten und alles bestimmenden E-Commerce.

Nur durch hohe Skalierung und intensive landwirtschaftliche Spezialisierung können die Landwirte so effizient wie möglich arbeiten. Das gesamte landwirtschaftliche Gebiet ist durch große, einheitlich bewirtschaftete Flächen gekennzeichnet. Sensoren, Drohnen und andere Überwachungssysteme sowie neue, auf künstlicher Intelligenz basierende Technologien unterstützen die Landwirte dabei, die höchstmögliche Effizienz zu erreichen.

 

 

Durch Szenarien Bedürfnisse erkennen

 

Dr. Ewa Dönitz vom Fraunhofer ISI fasst zusammen: “Die vier Szenarien haben eine unterschiedliche Sichtweise auf die Zusammenarbeit, die Transparenz entlang der Lebensmittelwertschöpfungskette, die Bedeutung der Effizienz in der Produktion oder den umweltfreundlichen Verbrauch. Mithilfe der unterschiedlichen Zukünfte können wir die Bedürfnisse der Landwirtinnen und Landwirte besser erkennen und das Entscheidungsunterstützungssystem für landwirtschaftliche Betriebe im Projekt DAKIS zukunftssicher machen.”

Die Szenarien sind im Rahmen des Projektes DAKIS, kurz für “Digitales Landwirtschaftliches Wissens- und Informationssystem” entwickelt worden, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird.

Die kompletten Ergebnisse als PDF gibt es zum Download unter https://www.isi.fraunhofer.de/content/dam/isi/dokumente/ccv/2020/Agribusiness%20in%202035%20-%20Farmers%20of%20the%20Future.pdf

 

 

 

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